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Mordprozess gegen Videoblogger : Alpi fährt, Mann stirbt

Livemitschnitt von Alpis Helmkamera: Der Videoblogger fährt direkt durch eine Menschenmenge. Bild: Youtube

Ein junger Motorrad-Videoblogger steht vor Gericht – er ist mehrfach als Raser in der Bremer Innenstadt aufgefallen. Nun hat er sogar einen alten Mann totgefahren.

          Dank des fahrerischen Könnens von „Alpi“ ist die Sache noch einmal gut gegangen. Der Fußgänger ist unverletzt, obwohl er sich ziemlich „behindert“ verhalten hat, wie Alpi findet. „Er bleibt stehen. Ey, wie ein Reh. Er bleibt stehen. Der wäre gestorben - ich hätte ihn in seine Einzelteile zerlegt wie bei Lego.“ Alpi ist sich sicher: Ein Fahranfänger hätte „den so hart mitgenommen“. Als Motorrad-Crack hat Alpi es aber wieder mal geschafft. Nix passiert.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Alpis Helmkamera hat die gesamte Fahrt aufgezeichnet, inklusive Ton. Tief in der Nacht wollte Alpi mit einem Kumpel noch einige Runden in der Bremer Innenstadt drehen. „Jetzt sind wir an der Partymeile. Und hier sind immer so viele dicke Autos: C63, CLS 63, M3 - schieß mich tot -, und die jagen wir heute“, hat Alpi zu Beginn des Videos erläutert. Doch selbst PS-starke Wagen haben gegen die agilen Motorräder keine Chance. Alpi hat auf seiner „Mitternachtsrunde“ einiges zu lachen. Über einen Audi TT macht er sich besonders lustig. „Wir müssen noch irgend was Schnelles erwischen!“, ruft Alpi. Die Ampel springt auf Grün. Die Zahl auf Alpis Digitaltacho klettert steil in die Höhe: 40, 80, 120 km/h. Alpi fährt 144 km/h, kurz bevor ihm der Fußgänger in die Quere kommt.

          Auf Youtube war Alpi mit seinen rasanten Fahrten eine bekannte Größe. 83.000 Nutzer hatten seinen Videoblog „Alpi fährt“ abonniert und schauten sich an, wie der junge Mann mit 170 Sachen durch Bremen raste oder auf einer norddeutschen Allee bei strahlendem Sonnenschein atemberaubende Überholmanöver hinlegte. Unter einem der Videos schrieb ein Nutzer, Alpi sei einer der „besten MotoVlogger“. Bedauernd fügte der Zuschauer hinzu: „Und ausgerechnet ihn trifft es.“

          Angeklagt wegen Mordes

          Alpi wird sich nämlich ab Montag vor Gericht verantworten müssen. Seine Illusion, durch sein fahrerisches Können vor Unfällen gefeit zu sein, ist mittlerweile zerstoben. Alpi, so die Staatsanwaltschaft, hat am Abend des 17. Juni mit seinem Motorrad einen 75 Jahre alten Rentner totgefahren. Bei dem Unfall soll Alpi mehr als 100 km/h schnell gewesen sein. Als er erkannte, dass der alte Mann in einem Baustellenbereich trotz roter Ampel die Straße überquerte, war es für eine Bremsung bereits zu spät. Alpi beschleunigte darauf sogar noch, warum auch immer. Vielleicht wollte er so den Unfall noch verhindern. Der alte Mann wurde frontal erfasst und meterweit durch die Luft geschleudert. Die Sanitäter konnten ihm nicht mehr helfen, er starb an der Unfallstelle. Auf Bildern vom Unfallort sind alte Lederschuhe zu sehen, dazu zerschnittene Kleidung sowie eine leere Spritze.

          Das Besondere an dem Prozess gegen Alpi wird sein, dass die Anklage nicht auf fahrlässige Tötung lautet. Die Bremer Staatsanwälte belassen es auch nicht dabei, juristisch feste aufs Gaspedal zu drücken und Alpi wegen Totschlags anzuklagen. Die Ankläger wollen in diesem speziellen Fall das Maximum aus der Gerichtsmaschine herauskitzeln: Alpi soll wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt werden. Oberstaatsanwalt Frank Passade erklärt, seine Behörde betrete mit diesem Vorwurf in einer Verkehrsstrafsache „rechtliches Neuland“. Der Staatsanwalt zuversichtlich: „Wir haben uns das sehr gut überlegt.“

          Posen mit einem anderen Motorradfahrer: Ein bisschen die Reifen durchdrehen lassen und die Stärke seiner Maschine demonstrieren Bilderstrecke

          Ein Problem für Alpi in dem Prozess könnte darin bestehen, dass er bei seiner abendlichen Ausfahrt durch Bremen am 17. Juni gleich zwei Unfälle hatte. Zunächst hatte der damals 23 Jahre alte Türke, dessen Nachname ähnlich wie sein Youtube-Name lautet, ein Auto beschädigt. Es war kein schwerer Unfall. Alpis Motorrad touchierte das Fahrzeug lediglich, so dass Kratzer und ein zerbrochenes Blinklicht zurückblieben. Doch Alpi fuhr einfach weg. Das war Fahrerflucht, mithin eine Straftat. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass der tödliche Unfall mit dem Rentner geschah, weil Alpi dabei war, seine Fahrerflucht zu verdecken. Und im Gesetz wird die Verdeckung einer Straftat explizit als Mordmerkmal aufgeführt.

          Alpi ist schon mehrfach negativ aufgefallen

          Die Anklage sieht im Fall von Alpi aber zusätzlich auch niedere Beweggründe gegeben. Der Vlogger sei „regelmäßig extrem rücksichtslos“ gefahren und habe damit bewiesen, dass er „keinen Respekt vor dem Leben der anderen Verkehrsteilnehmer“ habe, erklärt Oberstaatsanwalt Passade. Die Aufnahmen der Helmkamera haben die Ermittler nach dem Unfall bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt. Alpis lockere Kommentierung seiner Hochgeschwindigkeitsfahrten wird nun vor Gericht gegen ihn verwendet werden. Als „Begleitmotiv“ könnte im Prozess auch zur Sprache kommen, dass der junge Mann, der bis 2014 an der Universität Bremen als Student eingeschrieben war, mit seinen Filmen auf Youtube Geld verdient hat. Dabei kam immerhin eine vierstellige Summe zusammen.

          Gerade auf Youtube wird der Fall kontrovers diskutiert. Aus der Fangemeinde von Alpi wird darauf verwiesen, dass der Rentner bei Rot über die Ampel gegangen sei und zudem auch noch alkoholisiert war. Die Staatsanwaltschaft bestreitet das nicht, hält es aber für unwesentlich. „Sie müssen als Verkehrsteilnehmer immer mit dem Fehlverhalten anderer rechnen“, so Passade, „dafür gibt es schließlich die Höchstgeschwindigkeit.“

          Die Videos auf „Alpi fährt“ wurden nach dem tödlichen Unfall offline gestellt. Aus dem Krankenhaus postete Alpi noch ein Foto von seinen Beinverletzungen und kündigte an, er werde sich zu dem Unfall äußern. Dazu kam es nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft erwirkte wenige Tage später einen Haftbefehl. Bis heute sitzt Alpi in Untersuchungshaft. Auch das ist für ein Verkehrsdelikt außergewöhnlich. Die Justiz bemüht sich, gegenüber extremen Rasern Härte zu zeigen.

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