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Rätselhafter Fall in Schweden : Wurde ein Zwölfjähriger zu Unrecht des Mordes beschuldigt?

  • -Aktualisiert am

Wurden in dem Fall die richtigen Schlüsse gezogen? Bild: dpa

Vor 18 Jahren wird in Schweden ein zwölf Jahre alter Junge des Mordes verdächtigt und muss in die Psychiatrie. Nun hat er als Erwachsener die Ermittlungen wieder aufrollen lassen – und der Fall wird für unlösbar erklärt.

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          Im Jahr 2001 wird ein elf Jahre alter Junge im Wald im schwedischen Hovsjö aufgefunden. Getötet wurde er durch zahlreiche Stiche mit eine Schere. Die Ermittler verdächtigen schnell den besten Freund des Toten, den zwölf Jahre alten Jonas. In einem zweifelhaften Ermittlungsprozess wird der Junge für schuldig befunden und verbringt seine Kindheit und Jugend in rechtspsychiatrischen Einrichtungen, fern von seiner Familie.

          Doch war der Zwölfjährige wirklich der Täter? Im Juni vergangenen Jahres werden die Ermittlungen um den „Scherenmord“ auf sein Verlangen hin wiedereröffnet. Der zu diesem Zeitpunkt Achtundzwanzigjährige beteuert seine Unschuld. Diese Woche wurden die Ermittlungen abgeschlossen – und der Fall von der zuständige Oberstaatsanwältin, Erika Lejnefors, für unlösbar erklärt.

          Lejnefors schrieb in einer Stellungnahme am Donnerstag: „Insgesamt ist meine Einschätzung, dass die Beweise nach den ergriffenen Ermittlungsmaßnahmen nicht ausreichen, um den Ablauf des Verbrechens zu klären. Es gibt auch keine Voraussetzungen, um weitere Ermittlungsmaßnahmen jeglicher Art zu ergreifen, weshalb ich die Untersuchung eingestellt habe.“ Laut der Anwältin war es trotz neuer Blutbildanalysen und wiederholter DNA-Tests nicht möglich, den Täter endgültig festzustellen.

          Anwalt: Jonas war sein halbes Leben eingesperrt

          Dennoch hatten die Ermittler vor 18 Jahren den damals zwölf Jahre alten Jonas in einer Pressemitteilung für schuldig erklärt. Die Ermittlungen waren zuvor bereits in Kritik geraten, nachdem bekannt geworden war, dass die Verhöre womöglich nicht rechtmäßig geführt worden waren. Der Junge war insgesamt 18 Mal verhört worden. Dabei waren Therapiesitzungen nicht klar von Verhören abgegrenzt worden. Außerdem hatte der Zwölfjährige keinen Rechtsbeistand bekommen. Auch wurde kritisiert, dass die Eltern des Kindes den Gesprächen nicht beiwohnen durften.

          Wie die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ berichtet, beweist der jetzige Abschluss des Verfahrens aus der Sicht von Jonas Anwalt, Carl Söderlund, die Fehleinschätzung der Ermittler aus dem Jahr 2001. „Das Urteil war falsch und hat dazu geführt, dass das Leben meines Klienten zerstört wurde. Er war sein halbes Leben lang in Einrichtungen eingesperrt”, sagte der Verteidiger. Mittlerweile ist Jonas frei.

          Die Staatsanwaltschaft hielt sich bislang aber noch damit zurück, ihn offiziell für unschuldig zu erklären. Laut „Dagens Nyheter“, sagte Lejnefors, die an ihn gerichtete Untersuchung sei nun abgeschlossen, doch Ungewissheiten blieben bestehen.

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