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Krebstest aus Heidelberg : Ärzte als Insider?

Beteiligten Ärzten wird vorgeworfen, Insiderhandel betrieben zu haben. Bild: dpa

Im Blutkrebstest-Skandal wehrt sich das Klinikum Heidelberg gegen Vorwürfe, an Insiderhandel mit Aktien beteiligt gewesen zu sein. Der Börsenkurs einer beteiligten Firma war nach der Ankündigung der „Weltsensation“ im März gestiegen.

          Der Vorstand des Heidelberger Universitätsklinikums (UKHD) wehrt sich gegen Vorwürfe, im Blutkrebstest-Skandal an einem Insiderhandel mit Aktien beteiligt gewesen zu sein. Die Leitende Ärztliche Direktorin der Klinik, Annette Grüters-Kieslich, bedauerte im Gespräch mit der F.A.Z. die Ankündigung des längst nicht marktfähigen Tests zur frühen Diagnose von Brustkrebs.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Mit Blick auf das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Mannheim wies sie jedoch darauf hin, dass Vorstand und führende Ärzte an dem chinesischen Unternehmen, das den Test in China auf den Markt bringen sollte, nicht beteiligt sind. „Sämtliche Mitglieder des Vorstands des UKHD, der Technology Transfer GmbH und die befragten Mitarbeiter der Frauenklinik haben unterschrieben, dass sie niemals Aktien des chinesischen Unternehmens NKY Medical Holding besessen haben – und auch keine Derivate oder Optionen auf Aktien der NKY gekauft haben.“

          Diese Erklärungen, so die Ärztliche Direktorin, seien nun schriftlich dokumentiert und an die Innenrevision der Klinik weitergeleitet worden. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Mannheim wollte die Erklärung der Ärzte und des Vorstands am Freitag nicht bewerten. Zur Zeit könne man zu den Vorgängen und den Prüfungen der Staatsanwaltschaft keine weiteren Angaben machen, hieß es.

          Der Bluttest-Skandal hatte am 21. Februar dieses Jahres seinen Anfang genommen. An diesem Tag hatte die Universitätsklinik in einer Pressemitteilung behauptet, sie habe den „ersten marktfähigen Bluttest“ zur Frühdiagnose von Brustkrebs entwickelt. Es handle sich um einen „Meilenstein“ in der medizinischen Forschung.

          Diese Meldung war zudem mit Hilfe von einer PR-Beratungsagentur verbreitet worden. Die Zeitung „Bild“ hatte sogar von einer „Weltsensation“ geschrieben.

          Eine erste Studie zur Zuverlässigkeit war noch gar nicht abgeschlossen

          Ende März musste sich die Universitätsklinik dann für die PR-Kampagne und die vorschnelle Ankündigung entschuldigen. Entgegen der üblichen Praxis in der medizinischen Wissenschaft hatte die Klinik die Ankündigung publiziert, ohne die Wirksamkeit des Tests beweisen und eine Publikation in einer Fachzeitschrift vorweisen zu können.

          Außerdem war auch eine erste Studie über die Treffsicherheit und Zuverlässigkeit des Tests noch nicht abgeschlossen. Nach Informationen der „Rhein-Neckar-Zeitung“ soll schon im April 2018 innerhalb der Klinik über die unzureichende Marktreife des Tests diskutiert worden. Die Klinik war für ihr Vorgehen daraufhin von vielen Fachkollegen scharf kritisiert worden.

          Der Bluttest ist von einem Forscherteam der Medizintechnik „Heiscreen“ entwickelt worden. Für die Vermarktung des Test in China, wo man sich hohe Gewinne versprach, war zusätzlich die Firma „Heiscreen NKY GmbH“ gegründet worden, an der sich der chinesische Pharmakonzern „NKY Medical Holding“ beteiligte.

          Für die erfolgreiche Vermarktung des Tests hätte die Firma Lizenzgebühren an die Universität Heidelberg zahlen sollen. Der Kurs der börsennotierten Firma war Anfang März gestiegen. Insiderhandel kann in Deutschland, auch wenn ausländische Firmen beteiligt sind, mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. An der deutschen „Heiscreen GmbH“ sollen die beiden Professoren der Universitätsfrauenklinik, Christof Sohn und Sarah Schott, beteiligt sein, was bei medizinischen Forschern allerdings durchaus üblich ist.

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