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Skrupellose Sprengkommandos : Wieso nimmt die Anzahl von Attacken auf Geldautomaten zu?

Mit Sprengstoff: Kriminelle Banden konzentrieren sich zunehmend auf freistehende Geldautomaten wie hier Anfang März in Bruchsal. Bild: dpa

Geldautomaten sind derzeit ein beliebtes Angriffsziel vieler Banden. Die Polizei tut sich schwer, das „fluide Netzwerk“ nachhaltig zu schwächen. Womöglich gibt es auch eine Verbindung zum Coronavirus.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Ein heftiger Knall riss die Anwohner an der Schwerter Straße in Hagen am frühen Freitagmorgen aus dem Schlaf. Drei dunkel gekleidete, maskierte Männer hatten einen Geldautomaten in der kleinen Filiale der Deutschen Bank gesprengt. Blitzschnell ging der Überfall über die Bühne. Mit einem hochmotorisierten Audi wollte das Trio davonrasen. Doch als die Täter die Geldkassette in den Kofferraum luden, rammte ein 62 Jahre alter Autofahrer das Luxusauto. Zwei Männer machten sich zu Fuß aus dem Staub, der dritte konnte mit dem schwerbeschädigten Audi flüchten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eine, manchmal auch mehrere Sprengattacken auf Geldautomaten gibt es derzeit Nacht für Nacht alleine in Nordrhein-Westfalen. Meist stecken hinter den Überfällen hochprofessionelle, konspirativ agierende Kriminelle aus den Niederlanden, die es verstehen, ihr Vorgehen geschickt an polizeiliche Maßnahmen anzupassen. In manchen Medien ist von der Audi-Bande die Rede, weil die Täter meist besonders leistungsstarke Autos dieser Marke für ihre Überfälle stehlen.

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          Nach Erkenntnissen der niederländischen und deutschen Ermittler gibt es die eine Bande aber nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Gruppe von 300 Niederländern überwiegend marokkanischer Herkunft vor allem aus den Städten Utrecht und Amsterdam. „Man muss sich das als fluides Netzwerk vorstellen, denn es handelt sich um eine Gruppe wechselnder Männer zwischen 18 und 35 Jahren“, sagt Thomas Jungbluth, der als leitender Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf tätig ist.

          Rund 11.000 Geldautomaten allein zwischen Rhein und Weser

          Schon seit Jahren treiben niederländische Sprengbanden in Rheinland-Pfalz, Hessen, Niedersachsen und vor allem in Nordrhein-Westfalen ihr Unwesen. Es begann mit einem Verdrängungseffekt: Weil die Banken in den Niederlanden ihre Automaten immer besser mit Farbpatronen sicherten, die Geldscheine bei einer Explosion unbrauchbar machen, damit begannen Vernebelungsanlagen einzusetzen, oder die Türen nachts einfach zu schließen, wichen die Täter zunehmend nach Deutschland aus – wo es nicht an Tatgelegenheiten mangelt. Rund 11.000 Geldautomaten gibt es allein zwischen Rhein und Weser, wesentlich mehr als in den Niederlanden.

          Doch so schlimm wie aktuell war es noch nie. Die Hagener Attacke vom Freitag war schon die 72. in diesem Jahr allein in Nordrhein-Westfalen. 2019 hatten die Ermittler bis Ende April 29 Fälle registriert. Der sprunghafte Anstieg sei nicht einfach zu erklären, sagt Jungbluth. Einen Zusammenhang mit der Corona-Krise könne er aber nicht ausschließen, auch weil die Grenzen von den Niederlanden nach Belgien und Frankreich derzeit geschlossen sind und somit in den beiden Ländern keine Attacken möglich sind.

          Im Oktober 2015 hat das LKA Düsseldorf eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen „Heat“ eingerichtet, um die spektakulären Sprengüberfälle zentral auszuwerten und möglichst vielen Tätern auf die Spur zu kommen. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Seither ist es gelungen, 78 mutmaßliche Automatensprenger festzunehmen. Just am Freitag begann vor dem Landgericht Düsseldorf ein großes Verfahren, gegen sieben junge Niederländer. Die Gruppe war nicht mit Audis, sondern mit unauffälligen Mietwagen und Lieferwagen mit zwei Motorrollern an Bord unterwegs und soll mindestens 15 Automaten in die Luft gejagt haben. Vier der Männer waren vor einem Jahr auf frischer Tat in Heiligenhaus bei Essen festgenommen worden; im Oktober konnte die niederländische Polizei drei weitere in Utrecht verhaften.

          Fluides Netzwerk

          Trotz der Festnahmen und Prozesse ist es bisher nicht gelungen, das „fluide Netzwerk“ nachhaltig zu schwächen. Offensichtlich können die Banden ohne Schwierigkeiten extrem risikobereite junge Männer rekrutieren, die das schnelle Geld und den maximalen Kick wittern. Erst vor kurzem wertete die Ermittlungskommission „Heat“ ein Überwachungsvideo aus, das zeigt, wie kaltblütig die Männer agieren. „Als die Alarmanlage losging, juckte sie das kein bisschen. In drei, vier Minuten machten die ihr Ding, so wie wir einkaufen gehen“, berichtet Jungbluth. „Und so wie wir dann einen Kasten Wasser ins Auto hieven, hieven die Täter die Geldkassetten in den Kofferraum und fahren davon.“ In ihren gestohlenen PS-starken Autos rasen die Sprengkommandos dann in halsbrecherischer Fahrt mit oft weit mehr als 200 Kilometern in der Stunde zurück in die Niederlande. Teils sind in den Autos die Airbags ausgebaut oder deaktiviert, damit die Täter selbst dann freie Sicht haben und weiter flüchten können, wenn sie jemand gerammt hat. Vor wenigen Wochen rasten zwei mutmaßliche Gangster nach einem missglückten Coup in Emmerich am Niederrhein in den Tod. Mit ihrem Audi waren sie vermutlich ohne Licht über die Autobahn gerauscht, als ein Lastwagen vor ihnen ausscherte.

          Im vergangenen Jahr schien die Zahl der Sprengattacken in Nordrhein-Westfalen leicht abzunehmen. In gut der Hälfte blieb es zudem beim Versuch. Und seit Januar konnten die Täter sogar in 65 Prozent der Fälle keine Beute mehr machen. Die Ermittler führen das nicht nur auf den hohen Fahndungsdruck, sondern auch auf Prävention zurück. Immer mehr Banken rüsten ihre Automaten mit Lüftungsanlagen nach, die eine Sprengung mit Gas unmöglich machen. Die Banden haben sich mittlerweile auch darauf eingestellt. „Sie kundschaften intensiv aus, ob ein Automat Schwachstellen hat“, sagt Jungbluth. Auffallend sei, dass weniger Automaten in Bankfilialen, dafür aber mehr freistehende Automaten etwa in Baumärkten, Tankstellen oder auf Parkplätzen angegriffen würden. „Eine komplexe Sicherung mit Überwachung durch Leitstellen, Nebelanlagen oder Ähnlichem ist dort nicht möglich. Das wissen die Täter.“

          Statt mit Gas wird nun auch mit Sprengstoff hantiert

          Sorgen bereitet den Ermittlern, dass die Profibanden statt Gas nun immer häufiger selbst zusammengesetzten Festsprengstoff verwenden. Schon bei 23 der 72 Attacken war das in diesem Jahr so. „Gefährlich ist beides, aber Sprengstoff ist in unseren Augen eine Steigerung“, sagt Jungbluth. Am Montag vergangener Woche gab es in Bonn eine Attacke mit Sprengstoff auf einen Automaten in der Außenfassade eines Hauses, in dem sich auch Wohnungen befinden. „Der Schaden war enorm, zwei Personen wurden zum Glück nur leicht verletzt.“

          Über zwei Erfolge konnte sich Jungbluth vergangene Woche freuen. Bei einer großangelegten Razzia in Nordrhein-Westfalen und Hessen gelang es, eine siebenköpfige Bande zu stoppen. Die aus Albanien, Mazedonien und dem Kosovo stammenden Männer hatten in den vergangenen Monaten von Dortmund aus operiert und in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg mindestens 32 Geldautomaten geknackt – nicht mit Gas oder Sprengstoff, sondern mit professionellem Spreizgerät, wie es sonst von der Feuerwehr bei schweren Autounfällen eingesetzt wird.

          Am Donnerstagmorgen waren fünf der Spreizer nach dem Aufbruch eines Automaten einer Volksbank im sauerländischen Iserlohn gerade nach Dortmund zurückgekehrt, als die Fahnder sie beim Aufteilen der Beute überraschten. „Ein überaus athletischer Beschuldigter konnte zunächst über die Außenfassade flüchten“, hieß es im Polizeibericht, konnte dann aber rasch von Beamten festgenommen werden. Auch einen der Täter, die den Automaten in Hagen sprengten, konnten Beamte festnehmen – der 34 Jahre alte Niederländer nordafrikanischer Abstammung gab allerdings erst auf, als ein Streifenwagen seinen Audi am Autobahnkreuz Wuppertal-Nord gerammt hatte. Die Ermittlungskommission „Heat“ im LKA begann umgehend damit, dem Sprengkommando von Hagen weitere Sprengungen zuzuordnen. Jungbluth ist optimistisch, dass das auch gelingt.

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