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Der Fall Peggy : Falsche Wahrheit, richtige Wahrheit

Was ist ein Geständnis wert? Der Angeklagte Ulvi K. (rechts) am Donnerstag im Gericht mit seinem Verteidiger Michael Euler Bild: dpa

Vor zehn Jahren wurde der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes verurteilt – allen Zweifeln und Widersprüchen zum Trotz. Nun steht er wieder vor Gericht.

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          Susanne K. zögert nicht. Zügig geht sie an ihrem Stuhl vorbei, blickt mit blassem Gesicht und traurigen Augen kurz im Saal umher und beugt sich dann an der Anklagebank so weit vor, dass sie erst dem Verteidiger, dann Ulvi K. die Hand schütteln kann. Die Hand des Mannes, der schon einmal wegen des Mordes an ihrer Tochter Peggy verurteilt wurde. Doch der Handschlag zeigt, dass sie offenbar heute, 13 Jahre nach dem Verschwinden des Kindes, wie so viele andere auch, von der Schuld des abermals Angeklagten nicht überzeugt ist.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ulvi K. wurde, als er erhobenen Hauptes langsam den Saal durchquerte, mit Applaus von vielen Zuschauern begrüßt. Wuchtig steht er nun da, im sandfarbenen Jackett über schwarzem Hemd, zwischen seinen Verteidigern. Unmerklich lächelnd schaut er umher, nickt mal dem, mal jenem zu und nimmt dann langsam auf der Anklagebank Platz. Wenn er später sein Geburtsdatum mit „13. Dezember 1977“ angeben wird, dann passt die dunkle Stimme so gar nicht zu dem pausbäckigen, rosigen Gesicht, dem nur die Bartstoppeln und der dünne Haarkranz das Aussehen eines Erwachsenen verleihen.

          In Lichtenberg umgab Ulvi K. der Ruf des kindlich-imbezilen „Dorfdeppen“ wie eine zweite Haut. Kaum je in seinem Leben wurde er als Erwachsener wahrgenommen. Das zeigt sich schon allein daran, dass der Staatsanwalt zu Beginn der ersten Zeugenvernehmung von „dem Ulvi“ spricht, sofort aber „Herr K.“ nachschiebt. Doch es wird dabei bleiben: In vielen früheren Aussagen, die an diesem ersten Prozesstag vorgetragen werden, ist immer nur von einer Person die Rede: von „Ulvi“.

          Todkranker Zeuge nahm Aussage zurück

          Im Alter von drei Jahren erkrankte er an einer Hirnhautentzündung. In deren Folge blieb seine geistige Entwicklung zurück, so dass er fortan als „geistig behindert“ gelten musste, wie sein Verteidiger am Donnerstag vortrug. „Er ist auf dem Entwicklungsstand eines zehn Jahre alten Kindes.“

          Nach Kindergarten und Grundschule blieb nur die Sonderschule, danach therapeutisch-pädagogische Werkstätten, Jobs in einer Spedition und schließlich Aushilfstätigkeiten in der Gaststätte seiner Eltern in der oberfränkischen Kleinstadt.

          Wenn er nicht gerade den Gästen der Lichtenberger „Schlossklause“ Essen und Trinken brachte, schlief er gern lang, schaute fern, neckte und foppte die Kinder, die durch den Ort stromerten. Seit dem Jahr 2000 etwa kannte er somit auch die Grundschülerin Peggy K.

          So steht es in der Anklage von 2003, die an diesem Tag abermals vom Staatsanwalt vorgetragen wird. Denn das Landgericht Bayreuth, das am Donnerstag das Wiederaufnahmeverfahren eröffnet hat, sah zwei erhebliche Gründe für die Wiederaufnahme: Ein Zeuge, der damals aussagte, dass Ulvi K. ihm den Mord an dem Mädchen gestanden habe, hatte 2010 vor einem Ermittlungsrichter genau das zurückgenommen: Ulvi K. habe ihm nie etwas von einem Mord erzählt. Er habe es der Polizei nur gesagt, weil er sich, selbst im Maßregelvollzug untergebracht, davon „die Freiheit“ erhofft habe. Der Zeuge ist inzwischen gestorben. Am Donnerstag fragt der Vorsitzende Richter den Ermittlungsrichter als ersten Zeugen: „Haben Sie ihm geglaubt?“ – „Ja, er hat sicherlich die Wahrheit gesagt. Der Mann war todkrank, hatte einen Gehirntumor.“

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