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Mafia-Kämpfe : Die „Baby Gangs“ wollen Neapel erobern

  • -Aktualisiert am

Fest in der Hand von Korruption und Gewalt: Neapel Bild: dpa

In den vergangenen Jahren war es ruhig geworden in Neapel, aber nun tobt wieder der Krieg zwischen verfeindeten Mafia-Clans. Eine junge Generation ist herangewachsen, die brutaler ist als ihre Väter.

          2 Min.

          Neapels Polizei scheint machtlos zu sein. Das Angebot des Innenministers Angelino Alfano, er werde 50 Mann Verstärkung in die Stadt unter dem Vesuv schicken, klingt hilflos. Bürgermeister Luigi De Magistris ist der Ansicht, Neapel brauche nicht mehr Carabinieri in Uniform, sondern Geheimagenten. In den vergangenen Jahren war es augenscheinlich ruhig geworden in der von Arbeitslosigkeit und Korruption geplagten Stadt am Golf. Seit einigen Wochen aber fallen fast täglich Schüsse in der Altstadt, und es herrscht „offener Krieg“ zwischen den seit jeher verfeindeten Clans, wie es in den Zeitungen heißt.

          Am Montag wurde die Öffentlichkeit von einem Foto des 17 Jahre alten Gennaro Cesarano aufgeschreckt. Der Mann mit der blonden Tolle hatte am Vortag früh am Morgen mit Freunden an der Piazza Santa Maria della Sanità auf seinem Moped gesessen, womöglich nach einer langen Nacht, um noch eine Zigarette zu rauchen und zu reden. Da schoss ein anderes Moped vorbei. Der Fahrer eröffnete das Feuer und verletzte den jungen Mann tödlich.

          Ist „Genny“ nun ein unschuldiges Opfer, wie seine Familie meint, oder einer der Handlanger der Camorra? Für die Polizei war Cesarano offenbar kein Unbekannter. Er habe zu den jungen Anführern einer neuen Generation gezählt, die mit Rauschgifthandel, Diebstahl und Erpressung dieselben kriminellen Geschäfte betreibe wie ihre Väter; aber während die Älteren in den vergangenen Jahren ihre Reviere aufgeteilt und zu einem Waffenstillstand gefunden hätten, sei nun ein neuer Kampf um die Macht in den Vierteln von Neapel ausgebrochen.

          Gennaro Cesarano, der unlängst in Neapel bei Camorra-Kämpfen erschossen wurde
          Gennaro Cesarano, der unlängst in Neapel bei Camorra-Kämpfen erschossen wurde : Bild: Archiv

          Am Dienstag veröffentlichte die Zeitung „La Repubblica“ einen Stadtplan Neapels, auf dem die altbekannten Camorra-Familien ihren bisherigen Revieren zugeordnet sind. Noch immer sind etwa ein Dutzend Stadtteile in der Hand des Verbrechens, aber es gibt mittlerweile mehr als ein Dutzend Familien, die um diese Reviere kämpfen.

          Die Ermordung Cesaranos erregte wegen seiner Jugend besonderes Aufsehen, aber er war innerhalb weniger Tage schon der dritte Tote in einem für die Polizei bislang nicht zu durchschauenden Rachefeldzug. Einen Tag vor ihm war ein 30 Jahre alter Mann erschossen worden. Drei Tage zuvor, am Donnerstag, verblutete ein 67Jahre alter Vorbestrafter im Kugelhagel. In den vergangenen Monaten der Gewalt zählte die Polizei insgesamt neun Tote, unter ihnen unschuldige Opfer wie den ukrainischen Neubürger Anatolij Korol, der Ende August ums Leben kam, weil er in einem Supermarkt einen Raubüberfall verhindern wollte und dabei zwischen die Fronten geriet.

          Mit ihren Ermittlungen ist die Polizei nur so weit vorangeschritten, dass sie von „Baby Gangs“ junger Verbrecher spricht. Sie wollten die alten Clans aus der Stadt verdrängen. Nach Auffassung der Carabinieri sind diese jungen Verbrecher brutaler als ihre Väter und gebieten über große Waffenarsenale. In pubertärem Gehabe filmen sie bisweilen ihre Morde und stellen die Aufnahmen ins Internet, um einzuschüchtern oder sich mit ihren Taten zu brüsten. Darüber scheint Neapel wieder zu einer Stadt zu werden, in der das Verbrechen regiert. Im Juni wurde der 19 Jahre alte Emanuele Sibillo hinterrücks erschossen, wenige Tage später ein dreijähriges Kind, Tage darauf Gianluca Ianuale aus einem altbekannten Clan.

          Raffaele Cantone, der früher Staatsanwalt in Neapel war und heute Italiens Anti-Korruptionsbehörde leitet, sagt, die Stadt am Golf erlebe zurzeit wieder einen Ausnahmezustand wie 2004, als im Neubauviertel Scampia am Rande Neapels innerhalb weniger Monate 70 Tote zu beklagen waren, weil diverse Familien um die Macht in der Trabantenstadt kämpften. Neu sei nur, dass sich die jungen Verbrecher nicht mehr an die „Ehrengesetze“ ihrer Väter hielten und zudem Gangster rekrutierten, die keine Blutsbande zu den Clans hätten. Die Kämpfe um Scampia brachten vor zehn Jahren den Journalisten Roberto Saviano dazu, seinen Bestseller „Gomorrha“ zu schreiben. Seither lebt er unter Personenschutz und kommentiert die neuen Wellen der Gewalt. Resigniert hat er jetzt festgestellt, dass sich offenbar in den vergangenen zehn Jahren wenig geändert hat. Die Mörder und ihre Opfer tragen nur andere Namen.

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