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Missbrauch : Wie man seine Kinder schützen kann

Kinder werden eher Opfer von sexuellem Missbrauch als Opfer eines Verkehrsunfalls. Bild: dpa

Jedes Kind kann Opfer von sexuellen Übergriffen werden. Was Eltern zu dem Thema wissen sollten – die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

          7 Min.

          Wie hoch ist das Risiko für Kinder, Opfer zu werden?

          Gar nicht so gering. Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO könnten in Deutschland ungefähr eine Million Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch sein. Forscher schätzen, dass in einer Schulklasse durchschnittlich etwa ein bis zwei Kinder betroffen sind. Bei den besonders gefährdeten Förderschülern sind es eher drei bis vier. „Solche Zahlen sind methodisch zwar eine heikle Sache“, sagt Ulli Freund, die sich seit Jahrzehnten mit der Prävention von Kindesmissbrauch befasst, ein Lehrbuch verfasst hat und auch für den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bundesregierung arbeitet. „Aber ein Kind wird definitiv eher Opfer von sexuellem Missbrauch als Opfer eines Verkehrsunfalls. Wir sprechen hier über ein Grundrisiko der Kindheit.“ Jede Mutter, jeder Vater und jede pädagogische Fachkraft sollte deshalb wissen, wie man sein Kind schützt.

          Wo liegen die gefährlichen Orte für Kinder?

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Wenn das so einfach wäre. Man muss sich klarmachen, dass überall eine Gefahr besteht: an der Bushaltestelle, in der Kirchengemeinde, im Sportverein, in der Schule und nicht zuletzt auch im eigenen Familien- und Freundeskreis. Meistens kennen sich Opfer und Täter. Nur in rund zehn Prozent der Fälle sind die Täter Fremde, sagt Ulli Freund. Die Präventionsexpertin erklärt das Risiko daher so: „Gefährliche Orte liegen dort, wo Kinder nicht als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden, ihre Rechte nicht geachtet werden. Kinder sind keine kleine Erwachsenen, aber sie sind ebenso wertzuschätzen. Wo das nicht passiert, steigt auch das Risiko für sexuellen Missbrauch.“

          Findet sexueller Missbrauch eher in autoritären Strukturen statt oder eher in einem besonders liberalen Umfeld?

          Diese Frage wurde breit debattiert, weil Missbrauchsfälle sowohl in der katholischen Kirche bekannt wurden als auch an der Odenwaldschule, die reformpädagogisch ausgerichtet war. Vermutlich seien beide Extreme gefährlich, erklärt Freund: eine libertäre Pädagogik, in der Hierarchien nur informell bestehen und man als uncool gilt, wenn man sich beschwert – aber auch eine autoritäre Kultur mit besonders starren Hierarchien und ohne Möglichkeit für Kritik. Die Erziehungswissenschaftlerin rät daher zu einer „gesunden Mitte“: Klare Regeln und Hierarchien sind hilfreich. Aber sie müssen Mitsprache zulassen und es erlauben, dass man sie hinterfragt.

          Sind die Täter immer männlich?

          Die meisten, ja. „Dennoch gibt es da einen großen blinden Fleck“, warnt Ulli Freund. 85 bis 90 Prozent der Täter seien zwar Männer. Das heißt aber zugleich, dass es auch sexuellen Missbrauch von Frauen gibt, wenngleich dieser deutlich weniger häufig angezeigt wird und darüber so gut wie nie etwas in der Zeitung zu finden ist. Und: Frauen missbrauchen nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen. „Das ist vielen nicht klar; viele denken das immer in einem heterosexuellen Kontext“, erklärt Freund. Missbrauch durch Frauen kann auch ähnlich brutal sein wie der durch Männer. „Für Missbrauch braucht man keinen Penis.“

          Welche Täterstrategien sollte man kennen?

          Zunächst sollte man sich klarmachen: Zum sexuellen Missbrauch gehören in der Regel drei. Es gibt den Täter. Es gibt das Opfer. Und es gibt das schützende Umfeld des Kindes. Die Strategie der Täter richtet sich deshalb sowohl auf das kindliche Opfer als auch auf dessen erwachsene Beschützer – beide werden gezielt manipuliert. Das geschieht in mehreren Etappen. Am Anfang steht das „Grooming“. Der Täter pirscht sich heran. Er baut Vertrauen auf, liefert Anerkennung, hat Zeit, macht vielleicht auch Geschenke. Er entlastet die Eltern, wenn diese gestresst und überfordert sind. Viele Täter engagieren sich für Kinder und ihre Belange und sind deshalb äußerst beliebt, auch bei den Eltern, berichtet Ulli Freund. Im Lauf der Zeit schafft der Täter dann allmählich eine Abhängigkeit und entfremdet Kinder und Eltern einander. Er erlaubt beispielsweise dem Kind Verhaltensweisen, die dessen Eltern nicht erlauben. Cola trinken, Erwachsenen-Filme schauen. „Das Kind wird so in ein Fehlverhalten verstrickt“, erläutert Freund. Der Täter und das Kind haben nun gemeinsam ein Geheimnis. Mit diesem Wissen kann der Täter das Kind zum Schweigen zwingen.

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