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Erpresserbriefe unter der Lupe : Fasse dich kurz, sonst wirst du gefasst

Wer schreibt, der bleibt – nicht immer auf freiem Fuß: Mehr als 40.000 Dokumente umfasst die Tatschriftensammlung im Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Dort werden die Schreiben kriminologisch untersucht. Bild: Frank Röth

Manchmal ist der entscheidende Fehler eines Verbrechers ein Rechtschreibfehler: Wie Linguisten fürs Bundeskriminalamt Hassbriefe und Erpresserschreiben untersuchen.

          Es gab mal eine Zeit, da hat sich Sabine Ehrhardt mit fiktiven Gesprächen antiker Geistesgrößen beschäftigt, mit deren Hilfe Kinder im 16. und 17. Jahrhundert Latein lernen sollten: Anfang der 2000er Jahre hat Ehrhardt über den „Dialog im Sprachunterricht der englischen Renaissance“ promoviert. Heute dagegen landen auf dem Schreibtisch der Sprachwissenschaftlerin Texte, die in der Regel weit weniger geistreich anmuten. Manchmal haben die Autoren einfach nur ihre Gewaltphantasien und Hassgefühle zu Papier gebracht, oft aber geht es um viel Geld und perfide Drohungen. Ehrhardt, eine Frau mittleren Alters mit praktischem Kurzhaarschnitt, hat sich das so ausgesucht: Nach ihrer Promotion hat sie bei einem für Geisteswissenschaftler ungewöhnlichen Arbeitgeber angefangen – dem Bundeskriminalamt (BKA).

          In Wiesbaden beschäftigt sie sich im Fachbereich 34 des Kriminaltechnischen Instituts des BKA als Sachverständige für Autorenerkennung häufig mit Erpresserschreiben. Insbesondere große Unternehmen erhalten Woche für Woche eine Vielzahl solcher Schreiben, in denen die Täter anonym mit Bomben drohen oder damit, Produkte von Lebensmittelherstellern zu vergiften, wenn die jeweilige Firma ihnen keine hohe Geldsumme zukommen lässt. Nur ein kleiner Teil der Täter macht seine Drohungen schließlich wahr. Ehrhardt analysiert auch Drohbriefe und hetzerische Posts aus sozialen Netzwerken. Wenn die Ermittler im BKA oder den Landeskriminalämtern bei ihren Versuchen, den jeweiligen Verfasser zu identifizieren, nicht weiterkommen, rückt Ehrhardt den Kriminellen zu Leibe – mit den Methoden der Linguistik.

          „Das kann man in drei Sätzen beschreiben“

          Im ersten Schritt untersucht ein Computerprogramm die Texte und identifiziert Fehler, von Buchstabendrehern bis zur falschen Vokalverwendung. Auf dieser Basis beginnt dann Ehrhardt mit ihrer Analyse. Sie arbeitet am Computer, druckt sich die Texte mitunter aber auch aus und markiert sie je nach Merkmal in unterschiedlichen Farben – wie eine Lehrerin, die eine Klassenarbeit korrigiert. Die Kriminellen machen aber nicht nur Rechtschreibfehler: Bei Erpresserschreiben etwa profitiert Ehrhardt von einem Zielkonflikt. Eigentlich bedürfte es für eine erfolgreiche Erpressung nur dreier Angaben: Eine (Geld-)Forderung muss gestellt, ein Druckmittel genannt und ein Szenario für die Geldübergabe skizziert werden. „Das kann man in drei Sätzen beschreiben“, sagt Ehrhardt, „aber das schafft kein Erpresser.“

          In der Regel, das erzählen auch der Wiener Historiker Ernst Strouhal und der Journalist Christoph Winder in ihrem in diesem Jahr veröffentlichten Buch „Böse Briefe. Eine Geschichte des Drohens und Erpressens“, schmücken die Täter ihre Schreiben noch aus, um ihre angebliche Gefährlichkeit und Kompetenz zu unterstreichen, mit Schilderungen etwa von avancierter Technik und skrupellosen Killerkommandos. Das soll die Zahlungsbereitschaft der Erpressten erhöhen – und liefert gleichzeitig Ehrhardt Futter für die Analyse.

          Unter ihrem Blick kann die Erpresser vieles verraten: Regional gefärbte Begriffe oder Wendungen ermöglichen Rückschlüsse auf die Herkunft; die Verwendung der alten oder neuen Rechtschreibung kann auf das Alter hindeuten; elaborierte Formulierungen lassen einen gewissen Bildungsgrad vermuten, Fachbegriffe eine bestimmte Profession. Experten wie Ehrhardt vermögen auch einzuschätzen, ob der Verfasser Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache spricht. Versuche, etwa mithilfe von absichtlich eingefügten Rechtschreibfehlern oder Auslassungen den Duktus von Migranten zu imitieren, enthüllen sie, weil die Verfasser etwa Wörter falsch schreiben, die geplante Geldübergabe aber präzise und verständlich skizzieren.

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