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Nach 30 Jahren : Und dann stand das Mordopfer vor den Beamten

  • -Aktualisiert am

Mit Hilfe der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ (hier ein Archivbild) fahndeten die Ermittler 1985 nach der jungen Frau. Bild: AFP

Vor mehr als 30 Jahren war Petra P. verschwunden – nun stieß die Polizei durch Zufall auf sie. Wie kann ein Mensch in Deutschland über Jahrzehnte nirgendwo offiziell auftauchen?

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          Die Polizisten staunten nicht schlecht, als sie am 11.September nach einem Einbruch in ein Mehrfamilienhaus in Düsseldorf gerufen wurden. Als sie die Mieterin der Wohnung baten, sich auszuweisen, zog die Frau einen seit mehr als 30 Jahren abgelaufenen Ausweis hervor – in dem zudem ein anderer Name stand als auf ihrem Klingelschild. Die Beamten glichen die Daten ab und staunten noch mehr. Denn vor ihnen stand nicht nur ein Einbruchsopfer, vor ihnen stand eine 55 Jahre alte Frau, die bisher als Mordopfer galt – seit 31 Jahren.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die damals 24 Jahre alte Petra P. aus Wolfsburg war am 26.Juli 1984 spurlos verschwunden und am Tag darauf von ihrem jüngeren Bruder Carsten vermisst gemeldet worden. Großangelegte Suchaktionen der Polizei verliefen ohne Ergebnis. Mit Hilfe der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ fahndeten die Ermittler 1985 nach der jungen Frau. Die XY-Ausgabe kann man noch heute bei Youtube im Internet anschauen. Präzise zeichnete das Team um den Moderator Eduard Zimmermann die letzten Tage und Stunden vor dem Verschwinden von Petra P. nach.

          Die junge Frau studierte Informatik in Braunschweig, verbrachte aber die Wochenenden meist bei ihren Eltern in Wolfsburg. Am 26. Juli 1984 bereitete sie sich in ihrem Studentenwohnheim wieder einmal auf eine Heimfahrt vor. Während ihre Eltern Urlaub machten, sollte sie sich in der Wohnung der Familie um ihren jüngeren Bruder Carsten kümmern. Sie selbst wollte ihre beinahe fertige Diplomarbeit über die Eigenheiten der Computersprache abschließen. In Braunschweig wollte Petra P. am 26. Juli ein Geschenk für Carsten kaufen, dann ging sie noch zum Zahnarzt. Anhand ihrer Karteikarte konnte die Kriminalpolizei feststellen, dass sie dort zwischen 14 und 15 Uhr behandelt worden war. Danach hatte die junge Frau vermutlich wie üblich den Linienbus nach Wolfsburg genommen und war an der Haltestelle Rasthof ausgestiegen. Carsten P. wartete am 26. Juli 1984 vergeblich auf seine Schwester. Es war sein Geburtstag.

          Unweit der Haltestelle Rasthof war ein Jahr zuvor das Mädchen Kerstin verschwunden. Weil die Vierzehnjährige ermordet worden war, gingen die Ermittler davon aus, dass auch Petra P. getötet wurde. Als dann Kerstins Mörder gestand, auch die Studentin umgebracht zu haben, schien der Fall gelöst. Doch schnell erwies sich die Selbstbezichtigung des Tischlerlehrlings als haltlos. Kurz nachdem der psychisch labile Mann den Kriminalbeamten 1987 den Ort gezeigt hatte, wo er Petra P. umgebracht haben wollte, hatte er auch noch gestanden, Melanie getötet zu haben. Aber die Schülerin hatte nach Erkenntnissen der Polizei eindeutig Selbstmord begangen. Petra P. blieb verschollen, 1989 wurde sie offiziell für tot erklärt.

          Sie besitzt bis heute keine offiziellen Dokumente

          In dieser Woche vernahmen Kriminalbeamte aus Braunschweig die 55 Jahre alte Frau. Sie wollten auch wissen, wie man mehr als 30 Jahre lang in Deutschland ohne gültige Papiere leben kann. Petra P., die alleinstehend sei und eine Arbeitsstelle haben soll, erzählte ihnen, dass sie „Offizielles“ wie ein Konto oder eine Krankenversicherungskarte nicht besitze. Ins Krankenhaus oder zum Arzt habe sie nie gemusst. Die Pre-Paid-Karte für ihr Handy bekam sie auch ohne Ausweis. In mehreren Städten in Westdeutschland habe sie in den vergangenen 31 Jahren gelebt. Seit elf Jahren wohnt sie nach eigenen Angaben nun in Düsseldorf. Dass Petra P. ihren abgelaufenen Personalausweis nicht verlängern ließ, sei ein Meldevergehen, heißt es von der Polizei in Braunschweig. Ansonsten sei der lange totgeglaubten Frau rechtlich nichts vorzuwerfen. Nun muss Petra P. wieder für lebend erklärt werden – ein seltener Verwaltungsakt.

          Über das Motiv ihres Verschwindens schweige sich Petra P. aus, sagte ein Polizeisprecher. Ausdrücklich habe sie zu Protokoll gegeben, dass sie weder zur Öffentlichkeit, noch zu ihrer Familie in Niedersachsen Kontakt haben wolle. „Die Angehörigen wissen, dass sie lebt. Vielleicht wird in nächster Zeit doch ein Kontakt möglich sein.“

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