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Digitale Kriminalverfahren : Wie fasst man einen Kindermörder nach 26 Jahren?

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Die Teufelstalbrücke in Ostthüringen: An ihrem Fuß fand man am 26. August 1991 die Leiche von Stephanie D. Bild: dpa

Jahrzehntelang suchte die Polizei den Mörder der kleinen Stephanie. Nun hat sie den mutmaßlichen Täter geschnappt – mit Hilfe von Profilern und neuen Methoden. Die Soko war zunächst einer Spur zum NSU gefolgt.

          Stephanie D. war zehn Jahre alt, als sie mit einer Freundin und ihren beiden jüngeren Geschwistern in den Goethepark in Weimar ging. Das Thüringer Städtchen ist für seine reiche Kulturgeschichte und zahlreiche Denkmäler bekannt. Der Täter machte sich das zunutze. Am 24. August 1991, einem Samstag, sprach er Stephanie und ihre Freundin am frühen Nachmittag an: Sie sollten ihm das Schloss Belvedere zeigen. Danach gebe er ihnen dafür auch 50 Mark. Der Mann redete länger auf die Kinder ein. Ihm gelang es schließlich, Stephanie zum Mitkommen zu verleiten. Das Mädchen ging mit dem Mann fort, kam aber nicht wie eigentlich vereinbart um 16 Uhr wieder in den Park zurück. Die Eltern erfuhren davon und riefen die Polizei. Am Sonntag nach dem Verschwinden durchsuchten Einsatzkräfte das ganze Stadtgebiet – vergeblich. Am Montag fanden spielende Kinder unter einer Autobahnbrücke nahe dem Hermsdorfer Kreuz die Leiche von Stephanie. Die Brücke lag etwa 50 Kilometer von Weimar entfernt. Sie hieß Teufelstalbrücke und wurde 1999 abgerissen.

          Nach dem Täter, der die Schülerin an jenem Spätsommertag angesprochen und entführt hatte, suchte die Polizei seither vergeblich. Am Sonntag vor einer Woche aber hat sie einen Mann festgenommen, der nun, mehr als 26 Jahre nach dem Verbrechen, der Tat beschuldigt wird. Es ist Hans-Joachim G., ein 65 Jahre alter Lastwagenfahrer aus Berlin. Die Ermittler und die zuständige Staatsanwaltschaft Gera sind sich sicher, dass er der Täter ist. Er soll Stephanie 1991 entführt und missbraucht haben. Um sein Verbrechen zu verdecken, soll er das Kind anschließend von der Autobahnbrücke geworfen haben. Als das Spezialeinsatzkommando in seine Berliner Wohnung eindrang, griff G. die Beamten mit einer Eisenstange an. Schnell aber war sein Widerstand gebrochen.

          Nach dem Ermittlungserfolg: OFA-Leiter Andreas Müller

          Hans-Joachim G. auf die Spur gekommen sind die Ermittler der Sonderkommission (Soko) „Altfälle“. Diese Kommission hat die Thüringer Landespolizei im Herbst 2016 wegen eines überraschenden Funds und einer Reihe obskurer Zusammenhänge rund um die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gegründet. Im Sommer 2016 fand ein Pilzsammler in einem Wald die Leiche von Peggy K. Im Alter von neun Jahren war das Mädchen fünfzehn Jahre zuvor in seinem Heimatort Lichtenberg im Norden Bayerns verschwunden. Nach dem Fund analysierten Rechtsmediziner einen Stofffetzen, der am Fundort neben der Leiche sichergestellt worden war. Er trug die DNA von Uwe Böhnhardt, dem NSU-Terroristen. Ein schauerlicher Gedanke: War der Neonazi, der mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ein Trio bildete, nicht nur mutmaßlich für die Morde an neun Männern, die aus dem Ausland stammten, und einer Polizistin verantwortlich, sondern auch für den Mord an einem Kind? Vollkommen abwegig erschien das nicht.

          Sexualstraftäter treten zunächst oft mit Delikten wie Körperverletzung oder Diebstahl in Erscheinung – ähnlich wie die NSU-Mitglieder vor ihrem Untertauchen. Auf einer Festplatte aus dem Unterschlupf des NSU in Zwickau hatte die Polizei außerdem kinderpornographische Bilder gefunden.

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