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Anklage gegen Carabiniere : „Hätte er Waffe und Rolex zu Hause gelassen, wäre alles nicht passiert“

Gegen den Carabiniere hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Totschlags erhoben Bild: EPA

Ein Polizist erschießt in Neapel einen Jugendlichen, der ihm seine teure Uhr rauben will. War es Notwehr oder Totschlag? Die Anklage gegen den Carabiniere sorgt für Kontroversen.

          3 Min.

          Ugo Russo aus Neapel wird seinen 16. Geburtstag am 10. April nicht erleben. Er starb in der Nacht zum Sonntag an den Folgen zweier Schussverletzungen. Die Untersuchungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu dem Todesfall dauern an, Aufzeichnungen von Überwachungskameras müssen ausgewertet werden. Am Freitag wurde die Autopsie des Leichnams vorgenommen, die Ergebnisse stehen noch aus. Doch die meisten Italiener dürften sich in der Causa Ugo Russo ihr Urteil schon gebildet haben.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Russo und ein 17 Jahre alter Freund waren am Samstag gegen Mitternacht auf einer Vespa im Altstadtviertel Santa Lucia unterwegs. In der Via Orsini hielten sie neben einem Mercedes, in dem ein junges Paar saß, das Fahrerfenster halb heruntergelassen. Russo stieg, den Helm auf dem Kopf, vom Soziussitz der Vespa, hielt dem Fahrer eine Pistole an die Schläfe und verlangte, dieser solle ihm seine Rolex aushändigen.

          Personal bedroht, Notaufnahme verwüstet

          Was danach geschah, ist unklar. Jedenfalls fielen drei Schüsse, abgefeuert von dem 23 Jahre alten Fahrer des Wagens, einem Carabiniere außer Dienst. Zwei Projektile trafen den 15 Jahre alten Jugendlichen, eines in die Brust, das andere in den Nacken, wie italienische Medien berichteten. Der Carabiniere, der ebenfalls aus Neapel stammt, aber derzeit in der Nähe von Bologna seinen Dienst absolviert, alarmierte den Rettungsdienst und die Polizei. Ugo Russo starb gegen zwei Uhr in der Notaufnahme des Krankenhauses Vecchio Pellegrini. Die Dienstpistole des Carabiniere, eine Beretta 92 FS, wurde beschlagnahmt.

          Bei der Waffe Russos handelte es sich, wie sich bald herausstellte, um ein ungefährliches Replikat. Sein 17 Jahre alter Komplize, der nach dem missglückten Raubüberfall mit der Vespa geflüchtet war, wurde rasch ausfindig gemacht. Nach Medienberichten hat er bei der Vernehmung berichtet, die drei Schüsse seien gefallen, kaum dass sein Freund an das Auto mit dem halboffenen Fenster herangetreten sei. Der Carabiniere gab den Angaben zufolge bei seinem Verhör zu Protokoll, er habe sich dem Räuber, dessen Gesicht er hinter dem Visier des Helms nicht habe erkennen können, als Carabiniere zu erkennen gegeben und erst gefeuert, als der Räuber nicht von ihm habe ablassen wollen. Er habe um sein Leben und um das seiner Freundin gefürchtet. Russos Komplize sagte der Polizei, die beiden hätten sich Geld für die Diskothek beschaffen wollen.

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          Als Verwandte und Freunde Russos im Krankenhaus erfuhren, dass der Jugendliche seinen Verletzungen erlegen war, verwüsteten sie die Notaufnahme der Klinik und bedrohten das Personal. Die Notfallstation musste für Reparatur und Reinigung einen Tag geschlossen werden. Übergriffe auf medizinisches Personal, zumal die Besatzungen von Rettungsfahrzeugen, kommen in Neapel öfters vor, wenn sich Leute schlecht oder verspätet versorgt fühlen. Am Montag gab es einen Proteststreik der Angestellten des Vecchio Pellegrini gegen die Gewalt.

          Russos Vater hat in mehreren Interviews geäußert, was sein halbwüchsiger Sohn auch getan haben möge – es sei niemals gerechtfertigt, einen 15 Jahre alten Jungen zu erschießen. Zudem äußerte er die Vermutung, der zweite Schuss – jener in den Nacken – sei von dem Schützen in Tötungsabsicht abgefeuert worden. Russos Großmutter sagte einem örtlichen Fernsehsender, ihr Enkel habe nach London gehen wollen, um dort als Pizzabäcker zu arbeiten. Im Viertel Santa Lucia mehren sich seit Tagen Graffiti wie „Ugo vive“ (Ugo lebt) und „Sei la nostra vita“ (Du bist unser Leben), Plakate mit Fotos von Russo und dessen Freundin tauchen an Häuserwänden auf.

          „Legitime Selbstverteidigung“?

          Gegen den Carabiniere hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Totschlags erhoben. Der 17Jahre alte Komplize muss sich wegen Beihilfe zum bewaffneten Überfall verantworten. Die Jury der Öffentlichkeit, bestehend aus einschlägigen Politikern und einfachen Bürgern, berät ausführlich in sozialen Medien über den Fall. Der frühere Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega äußerte erwartungsgemäß seine Unterstützung für den Carabiniere und sprach von „legitimer Selbstverteidigung“.

          Dass dieser Tatbestand weit ausgelegt wird, dafür hatte Salvini mit einem von ihm während seiner Amtszeit als Innenminister durchgesetzten Sicherheitsgesetz selbst gesorgt. Salvini sagt, Selbstverteidigung sei „immer legitim“. Doch sogar gemäß dem neuen Sicherheitsdekret muss die Gewaltanwendung des Angegriffenen verhältnismäßig sein, um ihn vor Strafverfolgung zu schützen. In einer Blitzumfrage äußerten 57 Prozent der Befragten die Ansicht, die Anklageerhebung gegen den Carabiniere sei nicht rechtens.

          Pietro Ioia, öffentlich bestellter Ombudsmann für die Gefängnisinsassen der Stadt Neapel, erklärte den Carabiniere dagegen zu einem guten Teil für mitschuldig. „Hätte er seine Waffe und seine Rolex zu Hause gelassen, wäre das alles nicht passiert“, sagte Ioia einem Rundfunksender. „Wenn der Bürgermeister den Touristen in einer Verordnung empfiehlt, wertvolle Uhren und Schmuck im Hotel zu lassen, dann muss auch ein Carabiniere wissen, dass man in Neapel nicht mit der Rolex am Handgelenk herumspaziert.“

          Der Fall Russo wird auch vor dem Hintergrund des im Jahr 2016 erschienenen (und 2019 verfilmten) Bestsellers „Der Clan der Kinder“ von Roberto Saviano diskutiert. Waren Russo und sein Komplize wirklich auf einem „privaten“ Raubzug unterwegs, um Geld für die Diskothek zu beschaffen, oder handelten sie im Auftrag örtlicher Camorra-Bosse? In einem Beitrag für die Zeitung „La Repubblica“ schrieb Saviano: „Dies ist eine Tragödie, für die Neapel verantwortlich ist. Es ist eine Tragödie, für die wir alle verantwortlich sind – sofern wir uns noch dafür interessieren, was im Süden und in Neapel geschieht.“

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