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Nach Gewalttat in Tiefenbronn : „Wir werden Euch vermissen“

Nachbarn, Freunde und Angehörige haben vor dem Haus, in dem sich die Tat ereignete, Kerzen und Stofftiere abgelegt. Bild: Rüdiger Soldt

Drei Wochen nach der Gewalttat eines Familienvaters in Tiefenbronn wirkt das Verbrechen im Ort immer noch nach. Der Mann hatte seine Frau und seinen Sohn getötet, ein zweites Kind überlebte schwer verletzt.

          In den Grablichtern vor dem Einfamilienhaus hat sich Regenwasser gesammelt. Neben einem grauen Metalltor liegen sechs mittlerweile wettergegerbte Teddys. „Wir werden Euch vermissen“ steht auf einer Pappe, die ein Freund der Familie mit einem Blumenstrauß neben das Tor gelegt hat.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am 25. Mai kam es in dem mit Sichtblenden und einer Alarmanlage gut geschützten Haus zu einer schrecklichen Bluttat. Ein 60 Jahre alter Unternehmer und Familienvater tötete seine 38 Jahre alte Ehefrau und seinen acht Jahre alten Sohn. Der ältere Sohn überlebte nur knapp, weil er schwer verletzt aus dem Haus flüchten konnte und beherzte Nachbarn einen Notarzt und Rettungshubschrauber alarmierten.

          Mühlhausen ist ein Teilort von Tiefenbronn mit 1700 Einwohnern, wenige Kilometer von Pforzheim entfernt. Es gibt in der Ortsmitte ein gehobenes Hotel, die Straße, an der das Einfamilienhaus liegt, führt direkt zum Kindergarten „Würmtal-Strolche“. Hinter dem Haus fließt die Würm. In der Nachbarschaft des Unternehmers liegen mehrere Bauernhöfe. Einige sind noch bewirtschaftet, andere nicht mehr. Die meisten Nachbarn wollen über das, was sie an dem Samstag vor drei Wochen erlebt haben, nichts mehr sagen. „Wir müssen das Trauma noch verarbeiten, das wühlt uns nur auf“, sagt ein Nachbar.

          Der Rentner Walter Schöck wohnt mit seiner Frau nur 150 Meter vom Haus des Unternehmers entfernt. An den mutmaßlichen Täter hat er keine guten Erinnerungen, er nennt ihn einen „Gauner“. Der Mann sei vor zehn Jahren mit seiner Familie nach Tiefenbronn gezogen, habe sich in die Nachbarschaft nicht eingefügt und das Haus für viel Geld umbauen lassen. „Das war sein Nebenwohnsitz. Er hat seine Kinder oft angeschrien und ihnen gedroht, dass es knallt, wenn sie nicht gehorchten“, sagt Schöck. Der mutmaßliche Täter habe dann versucht, weitere Häuser in der Siedlung zu kaufen, im Gasthaus habe er sich gern mal vorgedrängelt und mit seinem Geld angegeben. „Zu uns kam er eine Woche nach dem Tod meiner Schwiegermutter, weil er das Haus kaufen wollte. Das habe ich nicht vergessen.“ Im privaten Fuhrpark soll er mehrere teure Fahrzeuge gehabt haben, auch das sei nicht gut angekommen in der Nachbarschaft.

          Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt seit Ende Mai wegen Totschlags in zwei Fällen und wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. „Ob sich an den Tatbeständen noch etwas ändert, ob es vielleicht auch Mordmerkmale gibt, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Zur Vermutung, der Verdächtige könnte unter dem Einfluss von Medikamenten oder Drogen gestanden und vor der Tat einen „Drogencocktail“ zu sich genommen haben, wollte sich die Staatsanwältin nicht äußern. Die Gerichtsmediziner stellten durch die Obduktion bei beiden Leichen schwere Schnittwunden am Hals fest. „Der Täter befindet sich mittlerweile im Justizvollzugskrankenhaus, er hat alle Taten gestanden“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Pforzheim. Auch der elf Jahre alte Sohn, dem es gelungen war, seinem Vater in letzter Sekunde zu entfliehen, hatte schwere Halsschnittwunden. Er war wenige Meter vor dem Haus zusammengebrochen.

          Der tatverdächtige Unternehmer soll mit der Vermietung von Praxisräumen und Medizingeräten zur Strahlentherapie sehr viel Geld verdient haben. „Die ambulante Strahlentherapie ist mittlerweile sehr lukrativ, die Hälfte der Therapien für Krebspatienten werden heute ambulant gemacht. Dieser Unternehmer, der ja kein Arzt war, sondern Ingenieur, gehörte in der Region Stuttgart zu den ersten, die diese Entwicklung begriffen und daraus ein Geschäft entwickelt haben“, sagt ein Universitätsmediziner. Die Strahlentherapie wird nach Sitzungen abgerechnet, was für die Mediziner einträglich ist. Das Unternehmen des mutmaßlichen Täters betreibt in Böblingen und in der Nähe von Pforzheim selbständige Praxen zur Strahlentherapie. Die Bilanz des Unternehmens weist einen Jahresüberschuss in Millionenhöhe aus, die Eigenkapitalbasis ist solide. Wirtschaftliche Schwierigkeiten dürften als Motiv somit ausscheiden.

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