https://www.faz.net/-gum-9phg6

Detektiv der „alten Schule“ : Die Einsamkeit des Langstreckenermittlers

Hier ist es anders: Randel und sein Kollege Peter, der in einem alten VW Polo unterwegs ist, sind dran an dem Verdächtigen. Zwei Runden dreht Randel im Kreisel, damit der Kollege übernehmen kann. Bei der nächsten Kreuzung fährt Randel vor. „Wenn die Zielperson einmal einen Verdacht schöpft, wird es schwierig“, sagt der Detektiv. Nach etwa 15 Minuten endet die Verfolgungsfahrt. Der Verdächtige parkt auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Randel stellt den Wagen in sicherer Entfernung ab und kramt seine Kamera hervor. Dann steigt der Mann aus dem Auto, nimmt die Tüte vom Rücksitz und kreuzt die Straße. Klick, klick, Foto, Foto. „Wo geht der hin?“, fragt Randel seinen Kollegen über Funk. Er hat den Sichtkontakt verloren. Der Kollege folgt ihm zu Fuß.

Dann kommt der wichtigste Hinweis des Tages: Der Verdächtige ist schnurstracks in eine Autowerkstatt marschiert. Klick, klick, auch Peter schießt mehrere Beweisfotos. Keine fünf Minuten später kommt der Mann mit leeren Händen zu seinem Auto zurück. „Ein Schuss ins Schwarze“, sagt Randel und freut sich.

Die Stimmung ist gelöst. Randel lobt seine Kollegen und erzählt, dass der Auftraggeber geschockt sein werde. Mit dem Unternehmen müsse jetzt überlegt werden, ob weitere Observationen anzusetzen sind, um ihn auf frischer Tat zu schnappen. Das sei – so sagt es Randel – eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Deswegen muss auch der Betriebsrat dafür stimmen. Die Beobachtung stellt immerhin einen „erheblichen Eingriff in die Selbstbestimmungsrechte“ des Verdächtigen dar.

„Wo Menschen sind, passieren Fehler, und das nutzen wir aus“

Seine Auftraggeber sind gleichermaßen Privatpersonen, die zum Beispiel Affären ihres Partners wittern, wie auch mittelständische Unternehmen bis hin zu Weltmarktführern. Wird ein Fall der Wirtschaftsspionage aufgedeckt, helfe das der Abschreckung. „Das spricht sich im Unternehmen rum, da ist für die nächsten Jahre erst mal Ruhe.“ Mit Observationen verdient die Detektei das meiste Geld. Oftmals viele Stunden stumpfes Warten im Auto. Andererseits gebe es immer mal den Fall, dass man gutverdienenden Managern mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über einen längeren Zeitraum auf der Autobahn folgen müsse. Aber auch das bloße Wühlen in der Mülltonne zählt zu seinen Aufgaben. So wie bei einem Fall vor wenigen Monaten.

Ein kanadisches Konstruktionsbüro hatte Randel beauftragt, einen kürzlich ausgeschiedenen deutschen Mitarbeiter zu observieren. Er hatte das Unternehmen im Streit verlassen und stand unter dem Verdacht, abgetretene Pläne mitgenommen zu haben und einer Konkurrenzfirma anzubieten. Randel schickte seine Leute in den Großraum von Madrid, wo sie den Verdächtigen über Wochen beobachteten, wie er im neuen Unternehmen ein- und ausging. Die Observation blieb aber ohne Erfolg. Damit konnten sie ihm nicht nachweisen, dass er Unternehmenseigentum gestohlen oder transferiert hatte.

Informationen sammeln ist wichtig, denn jedes Detail könnte hilfreich sein.
Informationen sammeln ist wichtig, denn jedes Detail könnte hilfreich sein. : Bild: Jens Gyarmaty

Randel wollte schon aufgeben, erzählt er. Auch weil solche Observationen mit drei Detektiven sehr teuer sind – jenseits der Hunderttausend-Euro-Grenze bei einem Zeitraum von mehr als zwei Wochen und 15 bis 18 Stunden am Tag. Trotzdem entschied er sich noch für eine „Müllaktion“ zum Ende. Der Verdächtige und seine Frau waren dabei, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Spanien zu ziehen. Also entrümpelte die Ehegattin das Haus, warf alten Papierkram und Bürozeug in die Mülltonnen. „Wo Menschen sind, passieren Fehler, und das nutzen wir aus“, erklärt Randel.

Eines Nachts um 3 Uhr, kurz bevor die Tonnen abgeholt wurden, griffen sie zu. „Sack rein, oben neue Schicht drauf, damit es nicht auffällt. Das war der Knaller!“ Sie fanden CDs mit den vermuteten Konstruktionsunterlagen. „Das konnte selbst der Auftraggeber nicht glauben.“ Der Verdächtige kam vor Gericht, Randel sagte als Zeuge aus.

Weitere Themen

Topmeldungen

Volkswagen abgehängt : In China ist Tesla den Deutschen enteilt

Bei der derzeit einzigen Automesse auf der Welt wollen VW und andere deutsche Hersteller mit ihren E-Autos punkten. Auch sie haben China als wichtigsten Markt für Elektromobilität identifiziert. Doch Elon Musk ist ihnen dort Jahre voraus.
Reichskanzler Adolf Hitler und Kronprinz Wilhelm von Preußen treffen am „Tag von Potsdam“ zur Eröffnung des Reichstages aufeinander.

Hohenzollern-Debatte : Erheblich, das heißt nicht ganz unbedeutend

Hat der frühere Kronprinz Wilhelm dem Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet? Zwei Historiker bezweifeln dies in einem Zeitungsartikel. Doch ihre Darstellung ist unzutreffend.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.