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Der Täter aus Halle : Hütet euch vor den Verlierern

Im Gedenken: Besucherin vor der Synagoge in Halle. Bild: Daniel Pilar

Sein Blick auf sich selbst ist der unsere: Der Attentäter von Halle hat sich als gescheiterte Existenz begriffen. Und die Möglichkeiten, sich als ein Verlierer zu fühlen, haben sich in unserer Gesellschaft vervielfacht.

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          Auch der Terrorist ist nur ein Mensch, und zwar häufig kein besonders heller. Mit dieser These hat die britische Filmsatire „Four Lions“ für Aufsehen gesorgt, die 2011 bei uns ins Kino kam und von vier radikalisierten Briten erzählt, die sich bei ihren Anschlagsversuchen denkbar dämlich anstellen: Sie halten die Panzerfaust verkehrt herum, sprengen versehentlich ein Schaf in die Luft und machen, wenn ihre Karre nicht anspringt, dafür die Juden verantwortlich, die als Erfinder der Zündkerzen den Verkehr kontrollierten. Die Kritik war über die Darstellung dieser „Dschihad-Deppen“ gespalten, die „Jüdische Allgemeine“ lobte den Film als „irritierend komisch“: Er nehme den mörderischen Hass der Figuren ernst und gebe ihn doch der Lächerlichkeit preis.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn ein Terroranschlag, ob von islamistischer oder von rechtsextremer Seite, Opfer fordert, hat der Täter aus seiner perversen Perspektive ein Ziel erreicht – und damit zugleich ein zweites: Die Öffentlichkeit, wie noch für jeden Kapitalverbrecher, interessiert sich für ihn. Seine Biographie, seine Motive, seine Taten werden medial verewigt, und weil der Täter das weiß, sucht er die Darstellung zu steuern: durch Bekennerschreiben, durch Videos oder, eine grausame Entwicklung des digitalen Zeitalters, durch einen Livestream seiner Verbrechen. Die Ahnung, dass sein Name genannt werden wird, und sei es mit noch so viel Abscheu, ist für ihn ein Triumph. Menschen, die sein verqueres Weltbild teilen, wird er als Märtyrer gelten.

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