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Amoklauf in Tschechien : Ein Angriff auf Patienten

In Deckung: Der Amokschütze eröffnete in einem Wartezimmer des Krankenhauses in Ostrau das Feuer, Mitarbeiter und Patienten flohen auf die Straße. Bild: EPA

In der Tschechischen Republik erschießt ein Amokläufer sechs Menschen in einem Krankenhaus. Doch die Polizei reagiert schnell, sodass der Schütze flieht.

          3 Min.

          In der tschechischen Stadt Mährisch-Ostrau (Ostrava) hat ein Amokschütze in einem Krankenhaus sechs Personen getötet sowie zwei schwer und eine leicht verletzt. Der Täter floh und wurde wenige Stunden später tödlich verletzt aufgefunden. Offenbar hatte er die Pistole, mit der er zuvor um sich geschossen hatte, gegen sich selbst gerichtet. Staatspräsident Miloš Zeman, Ministerpräsident Andrej Babiš sowie Staats- und Regierungschefs benachbarter Länder bekundeten Schrecken über die Tat und Mitleid für die Angehörigen. Das Motiv des Täters war zunächst unklar. Er war bei der Polizei als gewalttätig bekannt. Laut Medienberichten war der Mann ein Bauarbeiter, der unter einer schweren Krankheit gelitten habe und seit Mitte Oktober krankgeschrieben war.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Nach Schilderungen von Polizei und Krankenhauspersonal hielt sich der Mann am Morgen in einem Warteraum des Traumazentrums des Lehrkrankenhauses in Ostrau auf. Zwischen sieben und halb acht Uhr eröffnete er offenbar unvermittelt das Feuer auf Patienten. Er habe auf Kopf und Brust gezielt, hieß es. Vier Männer und zwei Frauen wurden getötet, drei Personen angeschossen. Ärzte rangen um das Leben eines der Schwerverletzten. Das Krankenhaus wurde evakuiert und vorläufig geschlossen. Auch die benachbarte Technische Universität wurde geschlossen, solange der Schütze nicht gefunden war. Ein Krisenstab der Stadt nahe der polnischen Grenze im Nordosten der Tschechischen Republik, der drittgrößten Stadt des Landes, trat zusammen. Innenminister Jan Hamáček ließ sich nach Ostrau fliegen, um sich ein Bild zu machen.

          Jeder 35. Einwohner mit Waffenschein

          Der Polizeichef der Region Mährisch-Schlesien, Tomáš Kužel, sagte, die Schießerei habe nur wenige Sekunden gedauert. Der Schütze habe keinen Komplizen gehabt. „Er ist einfach gekommen und hat seine Arbeit getan.“ Er sei geflohen, als die Polizei eintraf. Bei der Suche wurden sofort mehrere Hundertschaften der Polizei und zwei Hubschrauber eingesetzt. Der mutmaßliche Täter wurde in Dielhau (Dehylov), das rund zehn Kilometer nordwestlich von Ostrau liegt, mit einer frischen Wunde aufgefunden. Trotz Wiederbelebungsversuchen konnte nach etwa 30 Minuten nur sein Tod festgestellt werden. Polizeichef Kužel mutmaßte, er habe die Waffe gegen sich gerichtet, als er die Polizeihubschrauber über sich erblickte. Der Mann sei der Polizei wegen Gewalt- und Eigentumsdelikten bekannt. Innenminister Hamáček lobte die „hervorragende Arbeit“ der Polizei. Sie sei binnen drei Minuten am Schauplatz erschienen und habe den Schützen innerhalb von drei Stunden aufgespürt.

          Der tragische Vorfall dürfte eine Debatte neu befeuern, die erst vorige Woche abgeschlossen wirkte. Es geht dabei um den privaten Waffenbesitz. Ihn zu befürworten gilt in der tschechischen Politik als ausgesprochen populär, die meisten Parteien tun es. In dem Land mit etwas mehr als zehn Millionen Einwohnern sind 800.000 Pistolen und Gewehre registriert, an 300.000 Personen wurden Waffenscheine ausgegeben. Jeder 35. Einwohner hat demnach einen Waffenschein – das ist nicht sehr viel mehr als zum Beispiel in Deutschland (jeder 40.). Als jedoch in der Europäischen Union infolge terroristischer Anschläge wie in Paris 2015, bei denen die Täter automatische Gewehre benutzten, die Regeln verschärft wurden, gab es den größten Widerstand bei der Regierung in Prag. Sie erhob Klage gegen die neue Richtlinie. Es geht dabei um ein Verbot von Waffen, die durch eine einfache Manipulation zu „vollautomatischen“ Waffen mit Dauerfeuerfunktion umgebaut werden können, sowie von großen Magazinen.

          Am 3. Dezember wies der Europäische Gerichtshof die tschechische Klage, die von Polen und Ungarn unterstützt worden war, zurück: Weder hätten die EU-Institutionen ihre Befugnisse überschritten, noch würden die Rechte von Waffenbesitzern unverhältnismäßig eingeschränkt. Auch dass für die (der EU assoziierte) Schweiz eine Ausnahme gilt, bedeute keine unzulässige Diskriminierung: Es hänge mit der Wehrpflicht und dem Milizsystem zusammen und sei zudem seit langem eingeübt, dass Privatleute in der Eidgenossenschaft automatische Gewehre daheim im Schrank haben dürfen. Die tschechische Regierung bekundete zähneknirschend, der Rechtsprechung Folge zu leisten. Ministerpräsident Andrej Babiš versprach aber, dass er versuchen wolle, die europäischen Regeln wieder den bisherigen tschechischen anzugleichen.

          Mit dem Vorfall in Ostrau hat all das nicht direkt zu tun. Der Täter benutzte anscheinend eine nicht registrierte Pistole. Befürworter einer freigebigen Waffenregelung werden aber Nahrung für das Argument finden, gesetzliche Restriktionen verhinderten nicht den unregistrierten Besitz und verbrecherischen Einsatz – das legale Tragen von Schusswaffen ermögliche es aber, sich gegen solche Täter zu wehren. Kritiker könnten hingegen argumentieren, eine solche „Wildwest-Mentalität“ senke die Hemmungen.

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