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Zahlreiche Schwerverletzte : Wer ist der Fahrer von Melbourne?

In einer Einkaufsstraße in Melbourne ist ein Mann in eine Menschenmenge gefahren. Bild: Reuters

Kurz vor Weihnachten fährt ein Geländewagen in Melbourne in die Menschenmenge einer gut besuchten Einkaufsstraße. Das Motiv des Täters ist noch unklar. Die Polizei nennt erste Details zum Fahrer.

          Die Besucherin Rachel Parry war an diesem sonnigen Nachmittag in Melbourne mit den Kindern einkaufen. Auf dem Weg zur Fähre in den Weihnachtsurlaub nach Tasmanien, hatte die Beamtin in der Wirtschaftshauptstadt Australiens einen kurzen Aufenthalt eingelegt – H&M ist hier größer als daheim in der Hauptstadt Canberra, und der 16-jährige Sohn wollte sich die Uni in Melbourne anschauen. Dann sollte es weitergehen herüber auf die Insel vor Australiens Südküste.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Plötzlich hörten wir einen fürchterlichen Lärm aufbrausen“, erzählt sie. „Wie Gewehrschüsse. Jeder reagierte intuitiv, begann zu rennen. Wir rannten mit, hinein ins nächste Bürohaus.“ Sekunden zuvor hatte ein Mann seinen weißen Suzuki-Geländewagen genau im Zentrum der Stadt in eine Menschenmenge gesteuert. Er habe die Passanten nur so „niedergemäht“, erzählt ein Augenzeuge danach. Sirenen von Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr erklangen überall in der Stadt, die schon Anschläge erlebt hat. Die Reaktionszeit lag deshalb wohl bei nicht mal zwei Minuten. Ein Polizist sprach noch am Tatort von einem Terroranschlag. Offiziell aber wollte das an diesem Spätnachmittag in Melbourne zunächst niemand bestätigen. Allerdings hieß es am frühen Abend, man müsse von Vorsatz ausgehen. Die Zahl der Opfer aber stieg in den folgenden Stunden: Inzwischen sind es 19, die im Krankenhaus behandelt werden. Einige von ihnen sind schwer verletzt. Ein Vorschulkind soll schwere Kopfverletzungen erlitten haben. Die Front des Wagens, das zeigen erste Bilder vom Tatort in der Flinders Street, ist völlig zerstört, nachdem er auf einen Straßenpoller prallte. Dies spricht für eine relativ hohe Geschwindigkeit.

          Die Polizei nahm den Fahrer des Wagens sofort fest. Bei dem 32 Jahre alten Mann handele es sich um einen australischen Staatsbürger afghanischer Herkunft, der den Sicherheitsbehörden nicht als Terrorverdächtiger bekannt sei, sagte der geschäftsführende Polizeichef Shane Patton am Donnerstagabend Reportern. Es gebe aber Hinweise auf Drogenkonsum und psychische Probleme.

          Kurze Zeit nach der ersten Festnahme machte die Polizei an der Straße einen weiteren Mann dingfest. Er soll der Beifahrer gewesen sein. Beide Männer gelten als nahe Verwandte. Der australische Premierminister Malcom Turnbull bezeichnete die Tat auf Twitter als „schockierenden Vorfall“.

          Parry blieb mit ihren Kindern eine gute Viertelstunde in der Einkaufsmeile hocken. Dann wagten sich die Menschen wieder auf die Straße. Das Quartett aus Canberra wollte nur noch schnell aus der Innenstadt, und auf die sichere Fähre auf die Insel. Die Stadt befand sich da schon im Ausnahmezustand. Australien ist drei Tage vor Weihnachten in Feierstimmung, die meisten Menschen sind verreist. Andere nutzen die Zeit für letzte Einkäufe vor dem Fest, das in „down-under“ eher ausgelassen als besinnlich ist. Und so waren die Einkaufsstraßen der Stadt rund um Flinders, Elizabeth und Swanston Straße denn auch voll von Familien und Geschäftsleuten, die es früh nach Hause zog. Der öffentliche Verkehr, in Melbourne Straßenbahnen, die durch die Flinders Street fahren, wurde sofort eingestellt, die Innenstadt großräumig gesperrt.

          Erst Ende November hatte die Polizei einen Mann festgenommen, der einen Anschlag an Silvester in Melbourne geplant haben soll. Im vergangenen Jahr hatte fast eine halbe Million Menschen den Jahreswechsel im Stadtzentrum gefeiert. Die Polizei sprach Ende November von einer „anhaltenden Terrorgefahr“. Der in Australien geborene Sohn somalischer Eltern soll geplant haben, mit einer Feuerwaffe so viele Menschen wie möglich umzubringen. Er hatte im Internet eine Anleitung von Al Qaida heruntergeladen, wie man Terroranschläge vorbereitet.

          Sollte sich die Tat mit dem weißen Suzuki auch als Terroranschlag herausstellen, wäre sie ein déja-vu für Melbourne: Mitte Januar hatte Dimitrious Gargasoulas seinen dunkelroten Holden im Stadtzentrum in die Menschen gelenkt. Erst die Polizei konnte die Todesfahrt aufhalten, in dem sie den Wagen rammte. Sechs Menschen, unter ihnen ein kleines Mädchen und ein dreimonatiges Baby, verloren ihr Leben. Allerdings gilt der Täter als gestört und sozial schwer belastet; eine politische Absicht scheint er nicht besessen zu haben. Seit 2014 hat die australische Polizei 74 Menschen wegen Terrorverdachts festgenommen.

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