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Mord statt Suizid in Starnberg : „Passt das zu den Spuren?“

In diesem Haus in Starnberg wurden die Leichen gefunden. Bild: EPA

Nach dem gewaltsamen Tod einer Familie in Starnberg hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen. Ein 19 Jahre alter Bekannter des getöteten Sohnes hat das Verbrechen gestanden. Wie kam die Polizei ihm auf die Spur?

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          Es waren viele Ungereimtheiten, die aus dem vermeintlichen erweiterten Suizid, der sich vor knapp zwei Wochen in Starnberg zugetragen haben sollte, einen Mordfall mit drei Toten, zwei Tatverdächtigen und einem Waffenarsenal werden ließen. Inzwischen gibt es ein Geständnis und somit eine drastische Wendung in dem Tötungsdelikt, das am 12. Januar im sonst so beschaulichen Starnberg große Bestürzung hervorrief.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein 19 Jahre alter Mann aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck hat nach Angaben der Polizei gestanden, ein Ehepaar im Alter von 60 und 65 Jahren sowie ihren 21 Jahre alten Sohn erschossen zu haben, einen Freund von ihm. Dabei belastete er auch einen 18 Jahre alten Bekannten aus dem Landkreis Starnberg: Der habe ihn, vom Tötungsplan wissend, zu dem Wohnhaus gefahren und nach den Taten abgeholt. Beide Männer wurden, wie das Polizeipräsidium Oberbayern Nord am Freitag mitteilte, am Donnerstag festgenommen und sind in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II stellte gegen die beiden 19 und 18 Jahre alten Beschuldigten Haftantrag wegen Mordes beziehungsweise Beihilfe zum Mord.

          Begonnen hatte alles mit einer Kontrolle. Die Polizei war am 12. Januar gegen 17 Uhr zu einem Haus in Starnberg gerufen worden, weil Angehörige schon länger nichts von dem Ehepaar gehört hatten. Die Polizei fand drei Tote: Das Ehepaar lag erschossen im Schlafzimmer, der Sohn mit tödlichen Schussverletzungen in seinem Zimmer. Er habe im Bett gelegen, mit einer Pistole in der Hand. Überlebt, wenn auch mit Schusswunden, hatte nur der Hund der Familie. Zwölf bis 15 Schüsse waren abgegeben worden, nicht alle trafen die Opfer.

          Ein Ermittlungsansatz von vielen

          Die Polizei nahm an, der Sohn habe erst seine Eltern und dann sich erschossen. Doch das sei nur ein Ermittlungsansatz von vielen gewesen, sagt Polizeipräsident Günther Gietl am Freitag. Spuren wurden weiter ausgewertet, Zeugen befragt, Gerichtsmediziner und Spezialisten vom Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) konsultiert. Im Fokus stand auch die Frage, ob die Auffindesituation und die Schmauchspuren am Körper des 21 Jahre alten Sohnes zu einem Suizid mit vorausgegangenem Tötungsdelikt passen konnten.

          Zweifel an der Suizid-Theorie ergaben sich schon daraus, dass es keinen Abschiedsbrief gab. Zentral waren zudem zwei Pistolen, die am Tatort gefunden wurden: eine Glock 19, Kaliber 9x19, sowie eine Walther, Kaliber 6,35 Browning, vor 1945 hergestellt. Für beide Waffen gab es keine waffenrechtliche Erlaubnis. Von den Waffen direkt auf den 21 Jahre alten Sohn zu schließen, lag nah: Er absolvierte eine Lehre zum Büchsenmacher. Die Polizei befragte Zeugen im Umfeld seines Ausbildungsbetriebs und ermittelte verdeckt. Schließlich sei ein 19 Jahre alter Bekannter des Sohnes ins Visier geraten. Er wurde verdächtigt, illegale Waffen des Einundzwanzigjährigen aufbewahrt zu haben.

          Am Donnerstag schließlich durchsuchte die Polizei dann in den frühen Morgenstunden seine Wohnung in Olching. Im Dachgeschoss des Wohnhauses trafen die Beamten auf den 19 Jahre alten Bekannten und seinen 18 Jahre alten Freund, den er später belastete. Sie stießen auf ein „umfangreiches Waffenarsenal“, zu dem auch Kriegswaffen gehören, sowie auf Stoffe, die zur Herstellung von Sprengstoffen dienen können. Auch Munition wurde sichergestellt. Waffen und Substanzen werden im LKA untersucht.

          Die beiden jungen Männer nahm die Polizei zunächst wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie Sprengstoffgesetz vorläufig fest. Angaben zu den Berufen oder Ausbildungen der beiden jungen Männer machte die Polizei mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte der Heranwachsenden nicht. In der Vernehmung habe der 19 Jahre alte Mann dann gestanden, dass er zunächst seinen 21 Jahre alten Bekannten und dann dessen Eltern erschossen habe.

          Stattgefunden hat die Tat vermutlich in den frühen Morgenstunden des 11. Januar. Zu dem Haus war er demnach schon in Tötungsabsicht gefahren. Hereingekommen ist er nach den Angaben mit einem Code, den er von dem späteren Opfer kannte. Nach den Taten hat er daraufhin den Tatort so hergerichtet, dass der 21 Jahre alte Sohn als Täter in Frage kam. Nach den Schilderungen des Tatverdächtigen stellte sich die Polizei laut Gietl am Freitag die Frage: „Ist die Tathandlung so durchführbar? Passt das zu den Spuren?“ Es habe alles gepasst, die Angaben seien plausibel. Bestärkt würden seine Einlassungen auch durch ein Handy-Video, das er vom Tatort aufgenommen habe.

          Zum Motiv, ob ein Streit die Ursache oder Drogen im Spiel waren, machte die Polizei am Freitag keine Angaben. Man stehe noch am Anfang der Ermittlungen. Somit bleibt auch die Frage unbeantwortet, warum der Tatverdächtige nicht nur seinen Bekannten, sondern auch dessen Eltern mutmaßlich tötete. Einen beruflichen Bezug zu Waffen hat der 19 Jahre alte Tatverdächtige nicht, nur eine „große Affinität“, wie die Polizei sagt. Hinweise auf ein Motiv mit staatsschutzrelevantem Hintergrund hat die Polizei bislang noch nicht. Die vielen Waffen, die sichergestellt wurden, würden das jedoch nicht ausschließen.

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