https://www.faz.net/-gum-9mh2q

Missbrauchsfall Lügde : Weiteres kinderpornografisches Material gefunden

  • -Aktualisiert am

Die teilweise abgerissene Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald (Archivbild) Bild: dpa

Nach den Ermittlungspannen im Missbrauchsfall Lügde stockt Innenminister Reul die Ermittlungskommission „Eichwald“ auf. Auf einem der kürzlich entdeckten Datenträger habe sich ebenfalls kinderpornografisches Material befunden.

          3 Min.

          Auf einem der Datenträger, die kürzlich beim Abriss der diversen Campingwagen und Baracken des Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde zufällig gefunden worden waren, befindet sich kinderpornografisches Material. Das teilte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstag in einer von der Opposition beantragten Sondersitzung des Landtags-Innenausschusses mit. Weitere elf Video-Kassetten, die ebenfalls bei den Arbeiten gefunden worden waren, hätten keinen für die Ermittlungen relevanten Inhalt, sagte Reul.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Hauptverdächtige Dauercamper Andreas V. mit einem Komplizen über Jahre hinweg in seiner Parzelle im Landkreis Lippe 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt. Die beiden Verdächtigen und ein Mann aus Stade, der sich mit dem kinderpornographischen Material hatte beliefern lassen, sitzen in Untersuchungshaft. Die Polizei hatte mehrere Wochen gebraucht, um die unübersichtliche und vermüllte Parzelle von Andreas V. zu durchsuchen, und war dabei immer wieder auf weiteres Beweismaterial gestoßen. Sogar ein spezieller Spürhund für Datenträger war zwischenzeitlich im Einsatz. Nachdem die Staatsanwaltschaft Detmold den Tatort Ende März freigegeben hatte, war dann Mitte April ein mit dem Abriss der Verschläge des Hauptbeschuldigten beauftragter Bauunternehmer auf weitere Datenträger gestoßen. Zudem wurde die Polizei erst dann auf einen Schuppen aufmerksam, der V. bis dahin nicht zugeordnet worden war. Innenminister Reul kritisierte das am Dienstag. „Das war ein Fehler, auch wenn in dem Schuppen nur Werkzeug gefunden wurde.“

          Der Fall Lügde gilt auch deshalb als einer der größten Behördenskandale der vergangenen Jahre in Nordrhein-Westfalen, weil schon seit 2016 einschlägige Hinweise zu V. vorlagen, aber weder Jugendämter noch Polizei diesen konsequent nachgingen. Als dann Ende 2018 die Ermittlungen begannen, verschwand bei der Polizeibehörde Lippe Beweismaterial, das bis heute nicht wieder aufgefunden wurde. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Datenträger mit kinderpornografischem Material von einem unbekannten Täter aus dem ungesicherten Sichtungsraum der Behörde gezielt entwendet wurde. Innenminister Reul hatte im Februar von Behörden- und Polizeiversagen an „allen Ecken und Kanten“ gesprochen.

          Am Dienstag lobte Reul die Arbeit des Polizeipräsidiums Bielefeld, das die Ermittlungen im Januar auf seine Anweisung hin von der überforderten Kreispolizeibehörde Lippe übernommen hatte. Die kriminalistische Arbeit der Ermittlungskommission „Eichwald“ der Bielefelder Polizei sei von „außergewöhnlicher Qualität und Intensität“, sagte Reul. Doch auch wer gut und viel arbeite, mache Fehler. Entscheidend sei der transparente Umgang mit Fehlern, um aus ihnen zu lernen, weshalb er kontinuierlich über alle Vorgänge berichte.

          Auf die Frage der Opposition, warum die Abrissarbeiten auf dem Campingplatz in Lügde nicht von der Polizei beaufsichtigt worden waren, verwies der Minister auf die vorangegangene Entscheidung der zuständigen Staatsanwaltschaft Detmold, den Tatort freizugeben. Die Behörde habe auch bestimmt, dass keine weiteren polizeilichen Sicherungsmaßnahmen mehr nötig seien. Reul zitierte im Ausschuss aus einem Schreiben der Staatsanwaltschaft, wonach die schon bei den Durchsuchungen der Parzelle sichergestellten riesigen Mengen an Beweismaterial ausreichten, Andreas V. und die anderen Verdächtigen zu überführen. Der nachträglich gefundene Datenträger mit kinderpornografischem Material sei nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft für das Verfahren nicht von Relevanz.

          Offene Sprechstunde für Betroffene

          Für die Polizei sei der Fund trotzdem wichtig, da er Hinweise auf andere Fälle und Opfer geben könnte. Deshalb sei die Ermittlungskommission „Eichwald“ – benannt nach dem Namen des Campingplatzes – auf mittlerweile 79 Mitarbeiter aufgestockt worden, sagte der Innenminister. Bereits vergangene Woche hatte Reul angekündigt, den Campingplatz abermals absuchen lassen zu wollen. „Das ist ein großes Gelände, wir werden es uns weiter genau ansehen und die Menschen dort befragen“, hatte Reul gesagt. Am Dienstag kündigte der Innenminister an, dass die EK „Eichwald“ auch möglichst alle Nutzer des Campingplatzes befragen werde. Es gehe darum, kein mögliches Opfer zu  übersehen.

          Unterdessen kündigte die Opferschutzbeauftrage des Landes Nordrhein-Westfalen, Elisabeth Auchter-Mainz, zwei sogenannte offene Sprechstunden in Lügde an. Am Nachmittag des 2. Mai und am Vormittag des 3. Mai stünden auch Fachleute des kommunalen Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, des polizeilichen Opferschutzes sowie des Weißen Rings in Lügde  zur Verfügung, sagte die Opferschutzbeauftragte am Dienstag in Düsseldorf. Der Fall Lügde beschäftige ihr Büro sehr. Jedes bislang bekannte Opfer sei angeschrieben worden. Auchter-Mainz nannte „45 Betroffene“, darunter auch Geschwisterkinder. Teilweise handele es bei den Geschädigten um inzwischen erwachsene Frauen. Mit Blick auf den bevorstehenden Prozess vor dem Landgericht Detmold sei für mehrere Zeugen bereits eine psychosoziale Prozessbegleitung bestimmt worden. Wann mit einer Anklage zu rechnen ist, steht noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte mit, sie arbeite derzeit am Entwurf einer Anklageschrift.

          Weitere Themen

          Moderator Walter Freiwald gestorben

          Nach Krebserkrankung : Moderator Walter Freiwald gestorben

          Bekannt geworden war Walter Freiwald vor allem mit der Sendung „Der Preis ist heiß“. Erst kürzlich hatte er seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Nun ist er im Alter von 65 Jahren gestorben.

          Leichtes Erdbeben in Niedersachsen

          Landkreis Verden : Leichtes Erdbeben in Niedersachsen

          Im Landkreis Verden in Niedersachsen ist ein Erdbeben der Stärke 3,0 gemessen worden. Bei Polizei und Feuerwehr gingen zahlreiche Notrufe ein. Verletzte wurden bislang jedoch nicht gemeldet.

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump gemeinsam mit Apple-Chef Tim Cook in einem Computerwerk in Austin, Texas

          Freundschaftstest : Trump macht Apple Hoffnung

          Tim Cook empfängt den Präsidenten zum Fototermin in einem Computerwerk in Texas. Dieser nützt die Kulisse für Attacken gegen seine politischen Gegner – und signalisiert, dass Apple von Strafzöllen verschont werden könnte.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.