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Weibliche Genitalverstümmelung : Jeden Tag werden 11.000 Mädchen verstümmelt

Aufklärung über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung, wie hier im tansanischen Arusha Bild: obs

Die Pandemie hat die Situation für Frauen vielerorts verschlechtert. Besonders große Rückschritte gibt es bei der Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung.

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          11.000 Mädchen werden an ihren Genitalien verstümmelt – jeden Tag. Das macht mehr als vier Millionen Betroffene in jedem einzelnen Jahr. Die aktuellen Daten, die sich aus Umfragen in Äthiopien, Kenia und Tansania ergeben haben, sind alarmierend. Die Vereinten Nationen schätzen, dass diese Zahl noch steigen könnte. Das Bundesentwicklungsministerium schreibt anlässlich des Internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung an diesem Sonntag, dass die Corona-Pandemie den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung zurückgeworfen habe.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Seit 2003 findet der Tag statt, um auf diese Form der Menschenrechtsverletzung aufmerksam zu machen. Durch Schulschließungen und Präventionsprogramme, die während der Pandemie nicht stattfinden konnten, seien viele Opfer hinzugekommen. Studien gehen davon aus, dass als Folge der Pandemie bis 2030 zwei Millionen Frauen und Mädchen zusätzlich von weiblicher Genitalverstümmlung betroffen sein könnten.

          Bei einer weiblichen Genitalverstümmelung werden die äußeren Geschlechtsorgane ohne medizinischen Grund ganz oder teilweise mit scharfen Gegenständen wie Glasscherben, Rasierklingen oder Messern entfernt. Das geschieht oftmals ohne Betäubung. Nicht alle Frauen und Mädchen überleben diese Prozedur. Viele von ihnen leiden ihr ganzes Leben lang an Schmerzen, Infektionen, Traumata, Komplikationen bei Geburten und Einschränkung des sexuellen Empfindens.

          Weltweit leben etwa 200 Millionen Personen mit den Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung. Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), sagt dazu: „Das Trauma und die gesundheitlichen Folgen einer Genitalverstümmelung begleiten Mädchen und Frauen meist ihr Leben lang.“ In den vergangenen 30 Jahren soll die Zahl der weiblichen Genitalverstümmelungen um 15 Prozent gesunken sein. In einigen Ländern, etwa Somalia und Mali, ist fast jedes Mädchen und jede Frau davon betroffen.

          Tradition vielerorts stärker als Gesetze

          Weibliche Genitalverstümmelung ist Ausdruck und Ursache von sexueller Ungleichheit und stellt zudem eine schwere Menschenrechtsverletzung dar. Laut Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) zeigt das Thema „sehr klar, was wir mit feministischer Entwicklungspolitik meinen: Es reicht nicht, die Symptome zu bekämpfen. Sondern wir müssen ganz grundsätzlich diskriminierende Machtstrukturen und schädliche soziale Normen identifizieren und überwinden.“ In betroffenen Gemeinschaften gelten Mädchen und Frauen ohne Genitalverstümmelung als nicht heiratsfähig. Genitalverstümmelung ist seit Jahrhunderten in den Traditionen und Glaubensvorstellungen zahlreicher Gesellschaften verankert und sowohl in islamischen als auch in christlichen Gesellschaften zu finden. Verbote und entsprechende Gesetze, die in den meisten Ländern bereits gelten, werden oft zugunsten der Tradition gebrochen oder umgangen.

          Gegen weibliche Genitalverstümmelung hilft vor allem Aufklärung und Bildung. Wie die DSW schreibt, hätten zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass sich nach der Aufklärung junger Menschen mehr als neun von zehn Männer die Praktik ablehnten. Problematisch sei jedoch die Unterfinanzierung, sagt Kreutzberg. „Aktuell fehlen weltweit noch 2,1 Milliarden US-Dollar, um weitere Programme aufzulegen und damit das von den UN vorgegebene nachhaltige Entwicklungsziel zu erreichen, die Praktik bis 2030 zu beenden.“ Hinzu kämen Kosten für die medizinische Behandlung nach der Verstümmelung, die sich laut Weltgesundheitsorganisation jährlich auf 1,4 Milliarden US-Dollar belaufen. Von der Bundesregierung, die in ihrem Koalitionsvertrag sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte erwähnt, fordert er, dass ihren „Worten auch Taten folgen“ müssten.

          Die Bundesregierung setzt nach Angaben von Schulze auf „ganzheitliche Ansätze zur Überwindung“. Das Ministerium will die Aufklärung, Sensibilisierung und den Dialog gemeinsam mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen stärken sowie die Politikberatung auf allen politischen Ebenen darauf konzentrieren. „Wir rücken den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen in den Vordergrund. Die Menschenrechte sind unteilbar, für alle Geschlechter.“ Traditionelle und religiöse Autoritäten sowie die ältere Generation spielten eine besondere Rolle, sagt Schulze. Das Bundesministerium finanziert das Regionalvorhaben „Verbesserung der Prävention von weiblicher Genitalverstümmelung in Ostafrika“ in Somaliland, Sudan und Äthiopien mit 5,9 Millionen Euro. Weitere 2,8 Millionen Euro gibt es nach eigenen Angaben für zivilgesellschaftliche Träger in dem Bereich.

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