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Kindstötung : „Ich wollte sie nicht wegwerfen“

„Der Gedanke, dass ich ein Kind bekommen könnte, war unvorstellbar“: Esther S. vor Beginn ihres Prozesses vor dem Landgericht Berlin Bild: dpa

In Berlin steht eine Abiturientin vor Gericht: Sie soll ihr Neugeborenes getötet haben. Niemand in ihrem Umfeld hat die Schwangerschaft bemerkt. Wie ist das möglich?

          Vergangene Woche ist Esther S. 19 Jahre alt geworden: eine intelligente, hübsche, sportliche junge Frau aus einem bürgerlichen Stadtteil im Berliner Westen. Sie ist gern zur Schule gegangen und in einer weitgehend harmonischen Familie aufgewachsen. Die Eltern - die Mutter Designerin, der Vater Diplom-Kaufmann - sind schon seit 30 Jahren ein Paar, es gibt einen älteren und einen jüngeren Bruder, alle drei sind Wunschkinder. Auch zu den Großeltern und der weiteren Verwandtschaft sind die Beziehungen eng.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Esther S. hat ein ebenmäßiges Gesicht mit markanten Zügen, die dunkelblonden Haare fallen ihr glatt bis über die Schulterblätter. Sie trägt gern Turnschuhe und enge Jeans, dazu mal eine blaue Hemdbluse, mal eine lange Strickjacke. Nach der zehnten Klasse war sie für ein Austauschjahr in der Nähe von Philadelphia. Im Frühsommer hat sie ihr Abitur abgelegt, Notendurchschnitt 1,8. Ein BWL-Studium könnte sie sich vorstellen, anders als ihre beste Freundin allerdings hat sie sich noch nicht an der Uni eingeschrieben. Wird sie nach ihrer Zukunft gefragt, sagt sie: „Wenn alles gutgehen würde, würde ich wahnsinnig gerne Praktika machen.“

          Wenn es schlecht für sie läuft, wird Esther S. zu einer Haftstrafe verurteilt.

          „Sie war sehr traurig und sehr enttäuscht“

          In der Nacht zum 11. Dezember vergangenen Jahres hat Esther S. allein in ihrem Kinderzimmer eine Tochter zur Welt gebracht. Weder Familie noch Freunde haben davon gewusst, auch sie selbst sagt, sie habe die Schwangerschaft verdrängt, nicht wahrhaben wollen. Jetzt muss sie sich wegen Totschlags vor dem Landgericht Berlin verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie den „von ihr unerwünschten“ Säugling unmittelbar nach der Geburt bewusst erstickt habe. Esther S. sagt: „Ich wollte sie nicht töten.“ Sie weint heftig. „Ich kann es selber nicht verstehen. Es klingt so verrückt und naiv. Der Gedanke, dass ich ein Kind bekommen könnte, war unvorstellbar.“

          Die Eltern verfolgen den Prozess vom Zuschauerraum aus; in den Pausen legen sie den Arm um ihre Tochter. Ein beunruhigendes Gefühl macht sich breit: Wenn so ein Mädchen aus so einem Elternhaus in so eine Tragödie hineinschlittern kann - heißt das, dass so etwas wirklich in jeder Familie passieren kann?

          Esther S. ist 17 Jahre alt, als sie im September 2014 ihre erste richtige Liebesbeziehung eingeht. Ihr Freund ist auf dem gleichen Gymnasium eine Klasse über ihr, die beiden müssen ein schönes Paar gewesen sein. Die Eltern des Mädchens wissen Bescheid: Man duzt sich und sitzt oft gemeinsam beim Essen, gelegentlich geht es zusammen ins Kino. Der Vater hat mit seiner Tochter ein größeres Bett gebaut, seit Ende Oktober schläft das Paar miteinander. Im Juni 2015 ist Schluss: Er hat ein anderes Mädchen geküsst und ohnehin vor, nach dem Abi ins Ausland zu gehen. „Sie war sehr traurig und sehr enttäuscht“, sagt der frühere Freund rückblickend.

          Rückzieher angesichts überfüllter Wartezimmer

          Über Sexualität und Verhütung spricht das Paar nicht viel. Natürlich ist man aufgeklärt. Schon im Jahr 2012 notiert die Frauenärztin von Esther S. in Verbindung mit Impfungen zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs Verhütungsberatungen. Als die Mutter ihrer Tochter zwei Jahre später anbietet, einen Termin bei der Gynäkologin zu machen, um ihr die Pille verschreiben zu lassen, weist die junge Frau das zurück. Ihre Reaktion schildert eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe als typisch für Mädchen in diesem Alter: „Mama, du bist peinlich! Ich weiß das alles!“

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