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Kommentar : Der Fall Staufen

Mitglieder der Initiative „Aktiv gegen Missbrauch“ halten mit Bannern vor dem Landgericht eine Mahnwache. Bild: dpa

Die Schilderungen der Taten in Freiburg sind kaum zu ertragen – und wieder wissen hinterher alle, was man vorher anders hätte machen müssen.

          Wieder ist das Erstaunen groß, wieder hat niemand etwas gewusst, und wieder wissen hinterher alle, was man vorher anders hätte machen müssen. Der Fall Susanna ist noch gar nicht richtig begriffen worden in seinen Ausmaßen, da blickte Deutschland am Montag in einen Abgrund an Grausamkeit, wie ihn sich kein fühlender Mensch ausmalen kann. Am Landgericht Freiburg hat im Fall Staufen der Prozess begonnen gegen eine Mutter, die ihren Sohn Männern zum Missbrauch zugeführt hat, und ihren Freund, der tatkräftig am Missbrauch teilnahm. Gleichzeitig begann in Karlsruhe ein Prozess gegen einen Mann, der im Darknet bei dem Lebensgefährten der Mutter angefragt haben soll, ob er den Jungen sexuell missbrauchen und dann töten dürfe.

          Die Schilderungen der zahllosen Taten in Freiburg – allein die Verlesung der Anklageschrift dauerte mehr als drei Stunden – waren kaum zu ertragen. Noch schlimmer wird der Fall dadurch, dass der Freund der Mutter weithin als pädokriminell bekannt und einschlägig vorbestraft war. Der Mann berichtete, dass er selbst bei einer Vergewaltigung gezeugt und als Kind ebenfalls missbraucht worden sei. Man kann nur hoffen, dass das jetzige Opfer, der mittlerweile neun Jahre alte Junge, der bei einer Pflegefamilie lebt, den Teufelskreis sich fortzeugenden Missbrauchs durch therapeutische Begleitung durchbrechen kann.

          Wieso wurde das Kind zur Mutter zurückgegeben?

          Zur Aufarbeitung muss man aber auch zurückschauen: Wie konnte es sein, dass das Kind nur vorübergehend aus der Familie genommen wurde und später zurück zur Mutter kam? Wie konnte ein Mann, der unter Führungsaufsicht stand und keinen Kontakt zu Kindern pflegen durfte, nicht richtig beaufsichtigt werden? Wie kann es sein, dass ein Polizist in einem Nebenprozess aussagte, dass viele Sexualstraftäter rückfällig würden, die Überwachung nicht engmaschig genug sei und der therapeutische Ansatz des Programms sein Ziel verfehle? Wusste er das vorher auch schon, wussten es viele, und was hätten sie tun können? Und wie konnte man im Jugendamt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald verdächtige Beobachtungen als zu „vage“ einstufen? Solche Fragen werden politisch aufzuarbeiten sein. Aber alle können daran mitarbeiten, dass amtliche Fehler nicht zu schrecklichen Fällen werden – indem sie hinschauen, fragen und reden, bevor hinterher wieder alle wissen, was vorher niemand sehen wollte.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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