https://www.faz.net/-gum-a25xv

Pädokriminalität aufgedeckt : Im Zentrum der Entgrenzung

Im November 2019 durchsuchten die Ermittler ein Haus in Alsdorf im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. Bild: dpa

Vor dem Landgericht Köln beginnt der Strafprozess gegen Jörg L. Bei den Ermittlungen gegen den Mann aus Bergisch Gladbach kamen die Beamten einem deutschlandweiten, digital vernetzten Pädokriminellen-Geflecht auf die Spur.

          3 Min.

          Vor dem Landgericht Köln beginnt an diesem Montag der Strafprozess gegen einen der Hauptverdächtigen im Missbrauchskomplex „Berg“. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 43 Jahre alten Jörg L. vor, seine 2017 geborene Tochter seit ihrem dritten Lebensmonat regelmäßig sexuell gequält zu haben. Zudem soll sich L. nach Internet-Chats immer wieder mit Bastian S., einem mittlerweile verurteilten Pädokriminellen aus Kamp-Lintfort am Niederrhein getroffen haben, um sich ihre Kinder wechselseitig zuzuführen. Die Anklageschrift gegen Jörg L. umfasst mehr als 100 Seiten und listet 79 Straftaten auf.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nach Angaben des Gerichts hat sich der gelernte Koch und Hotelfachmann bisher noch nicht zu den Vorwürfen eingelassen, er habe aber angekündigt, am zweiten Prozesstag in einer Woche aussagen zu wollen. L. habe den Kriminalisten der Ermittlungsgruppe „Berg“ aber bei der Identifizierung seiner Chat-Partner geholfen, so das Gericht.

          Beim Fall „Berg“ handelt es sich um einen der bisher größten Missbrauchskomplexe in Deutschland. Noch immer sind rund 130 Kriminalbeamte mit der Aufklärung befasst. Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen nach der Durchsuchung der Wohnung von Jörg L. in Bergisch Gladbach bei Köln, weshalb bis heute vom „Fall Bergisch Gladbach“ die Rede ist. Mittlerweile passt die Bezeichnung nicht mehr, denn die Ermittler haben in den vergangenen Monaten nicht nur im Bergischen Land oder in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in allen anderen Bundesländern Tatverdächtige identifizieren können. Insgesamt 71 Hinweise hat die im Kölner Polizeipräsidium angesiedelte Ermittlungsgruppe „Berg“ bisher an die Behörden in den anderen Ländern weitergeleitet. Allein in Nordrhein-Westfalen wird mittlerweile 87 mit dem Fall „Berg“ verbundenen Personen schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und/oder die Verbreitung und der Erwerb von kinderpornografischen Schriften vorgeworfen; sieben Personen sind aktuell angeklagt, zehn Personen sitzen derzeit in Haft. Rund 50 Opfer konnten mittlerweile identifiziert und aus den Fängen ihrer Peiniger befreit werden.

          Ihren Namen bekam die Ermittlungsgruppe vom Wohnort des Hauptverdächtigen Jörg L. Doch längst könnte „Berg“ auch für die enormen Datenmengen stehen, die Ermittler nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Berlin, Schleswig-Holstein, Hessen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder im Saarland bei Tatverdächtigen sichergestellt haben. Anders als im ostwestfälischen Lügde, wo Anfang 2019 zwei Pädokriminelle dingfest gemacht werden konnten, die über viele Jahre hinweg auf einem Campingplatz massenweise Kinder missbraucht hatten, handelt es sich bei der Causa „Berg“ nicht mehr um einen lokal begrenzten, sondern um einen in vielerlei Hinsicht entgrenzten Fall.

          Internet-Chats als technische Treiber für Pädokriminelle erkannt

          Bei den Ermittlungen zum Fall „Berg“ wurde den Kriminalisten auch erstmals deutlich, welch enorme Bedeutung die Internet-Chats in Foren wie Whatsapp oder Threema als technischer Treiber für Pädokriminelle haben. Im Internet existieren Strukturen, in denen sich Täter mit anderen Tätern in Kontakt setzen, kinderpornografisches Material austauschen und immer wieder auch gemeinsame Vergewaltigungen besprechen.

          Noch immer lässt sich die Dimension des Geflechts im Fall „Berg“ nicht absehen, denn durch immer weitere beschlagnahmte Datenträger wie Handys, Laptops oder USB-Sticks kommen die Ermittler im Schneeballsystem immer wieder weiteren Tätern auf die Spur. In der Anfangszeit gab es teilweise mehrere Festnahmen in einer Nacht. Mehrfach rückten Einsatzkräfte per Hubschrauber aus, damit Tatverdächtige ohne weiteren Zeitverzug dingfest gemacht werden konnten. Im Schwarzwald schossen Polizisten die Türe eines Päderasten auf – die bei ihm sichergestellten Dateien führten dann zu einem weiteren Tatverdächtigen in Brandenburg.

          Durch die Datenauswertung ist die Ermittlungsgruppe „Berg“ nach eigenen Angaben bisher auf Spuren gestoßen, die zu potentiell mehr als 30.000 Verdächtigen führen könnten. Da sie in Foren und Gruppenchats aber Pseudonyme verwenden, ist eine Identifizierung schwierig. Zuständig dafür ist die bei der Staatsanwaltschaft Köln angesiedelte „Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen“ (ZAC). Vor wenigen Tagen sagte ZAC-Leiter Markus Hartmann der Nachrichtenagentur dpa, es gebe natürlich Unschärfen. Nicht hinter jeder der 30.000 digitalen Identitäten stehe auch ein Tatverdächtiger. Vielleicht benutze ein Verdächtiger mehrere Identitäten, vielleicht gebe es auch in Chat-Foren „Karteileichen“. „Aber im Regelfall legen es die Täter in diesen Foren auf eine gewisse Reputation an“, sagte Oberstaatsanwalt Hartmann. „Wer eine bestimmte Art Material anbietet, bekommt selbst mehr Zugriff auf andere Bereiche.“ In der ZAC gehe man davon aus, von der Zahl 30.000 „eher einen geringen“ Abschlag machen zu müssen. Es handele sich bei den digital vernetzten Pädokriminellen nicht um eine kleine Szene, sondern um „eine deutschlandweite und europavernetzte Szene“, in der Täter wie Bastian S. oder Verdächtige wie Jörg L. einen Resonanzraum finden, einen Ort der Selbstbestätigung, Selbstlegitimation und eben der Entgrenzung. Es handle sich um eine „Wechselwirkung von Tatgeschehen und Kommunikation“, sagte Oberstaatsanwalt Hartmann. „Soll heißen: Wenn Leute eine Neigung zum Kindesmissbrauch haben, aber sich nicht auskennen, wie sie es in die Tat umsetzen sollen – dann finden sie im Internet Gesprächsgruppen, in denen sie das lernen.“ Dass 30.000 Anklagen erhoben werden, gilt freilich wegen der technischen und rechtlichen Hemmnisse als wenig wahrscheinlich. Der Zeitschrift „Spiegel“ sagte Hartmann nun, angesichts dieser Umstände, „wäre es ein Erfolg, wenn wir am Ende eine dreistellige Zahl von Personen hätten, die wir als Tatverdächtige identifizieren und strafrechtlich verfolgen könnten“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Künstliche Intelligenz : Nach dem Hype

          Mit unserem Gehirn können es Computer noch lange nicht aufnehmen. Dennoch ist klar: Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereichen den Menschen überflügeln – es geht um Geld, Macht und Kontrolle.

          Neue Stadtteile : Deutschland baut XXL

          In den Metropolen fehlen zehntausende Wohnungen. Gegen den Mangel soll Neubau helfen, überall entstehen neue Stadtteile. Wir stellen die größten Projekte vor.
          Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran (auf dem Monitor) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn  (rechts dahinter) bei der Befragung am Dienstag.

          Rüsten für zweite Corona-Welle : Das nächste Mal ohne Schlagbäume

          Deutsche und französische Parlamentarier befragen gemeinsam ihre Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Olivier Véran (LREM). Neue Exportbeschränkungen wollen sie meiden. In anderen Punkten liegen sie auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.