https://www.faz.net/-gum-8jnve

Buch „Amok im Kopf“ : Was den Attentäter von München animiert haben könnte

  • Aktualisiert am

Augenzeugen verlassen am Freitagabend mit erhobenen Händen das Einkaufszentrum in München. Bild: AFP

In der Wohnung des Amokläufers von München hat die Polizei einschlägige Literatur gefunden. Vor allem ein Buch sticht heraus. Auch eine Verbindung zu den Taten von Winnenden und in Norwegen liege auf der Hand.

          2 Min.

          In der Wohnung des mutmaßlichen Attentäters von München hat die Polizei mehrere Bücher über Amokläufe gefunden. Nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière sei zudem Material sichergestellt worden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden vor sieben Jahren sowie zum Massenmord des Norwegers Anders Behring Breivik vor genau fünf Jahren vermuten lasse.

          Vor de Maizière vermutete auch schon die Polizei einen Zusammenhang zwischen dem Münchner Attentat und dem Massenmord in Norwegen. Der Rechtsradikale tötete bei einem Bombenanschlag in Oslo und einem Massaker auf der Insel Utøya 2011 insgesamt 77 Menschen. Die Verbindung zu Breivik „liegt auf der Hand“, sagte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä.

          „Das fühlt sich sehr merkwürdig an“

          Entscheidend für die derzeitigen Ermittlungen in Richtung eines Amoklaufs sei aber vor allem das Buch des Autors Peter Langman mit dem Titel: „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“. Für dieses Buch hat der amerikanische Psychologe über mehr als 20 Jahre hinweg Amokläufe an Schulen untersucht und dabei unter anderem Tagebücher und Gesprächsprotokolle ausgewertet.

          „Das fühlt sich sehr merkwürdig an“, sagte der Autor am Samstag der „Berliner Morgenpost“. Es sei allerdings nicht ungewöhnlich, dass sich Attentäter vor ihrem Amoklauf mit ähnlichen Taten beschäftigten. Der 18 Jahre alte Deutsch-Iraner habe in seinem Buch womöglich ein Vorbild gesucht, sagte Langman. Meistens würden sich Täter im Internet informieren. „Andere gehen aber darüber hinaus und recherchieren noch intensiver zu dem Thema.“ Das Buch sei schon einmal bei einem Amokläufer gefunden worden – 2013 im US-Bundesstaat Colorado.

          In der Münchner Fußgängerzone schiebt am Samstagmorgen ein Mann sein Fahrrad an einem Polizeiwagen vorbei. Weniger Menschen als sonst sind am Tag nach der Schreckensnacht mit zehn Toten in der Stadt unterwegs. Bilderstrecke

          In dem Buch, in dem es hauptsächlich um „Schul-Amokläufer“ geht, bezeichnet Langman die Täter als „gestörte Individuen“. (...) Er unterteilt die Täter in verschiedene Gruppen: Psychopathen (extrem narzisstisch, keine Empathie für andere Menschen, fühlen sich anderen oft überlegen), psychotische Täter (Wahnvorstellungen, Halluzinationen) und traumatisierte Amokläufer (schwere Kindheit mit Gewalt, Missbrauch oder Drogen, die Opfer fühlen sich oft ihr Leben lang bedroht).

          Langman sieht zudem eine Verbindung zwischen Schulmassakern und Depression – ein Indiz, auf das auch schon die Münchner Polizei auf ihrer Pressekonferenz am Samstag hingewiesen hatte. „Von den zehn Amokläufern in diesem Buch litten neun an Depressionen und Selbstmordgedanken. Viele hielten sich für Versager und beneideten ihre Kameraden, die glücklicher und erfolgreicher zu sein schienen. Dieser Neid verwandelte sich oft in Hass, Wut und Mordfantasien.“

          Dennoch sei auch eine Depression allein kein zureichender Erklärungsgrund für die Taten. „Schulmassaker sind zu komplex, als dass man sie einer einzigen Ursache zuschreiben könnte“, schreibt Langman. Es gebe „keine einfache Erklärung für das Phänomen des jugendlichen Amokläufers oder eine Formel, nach der sich voraussagen ließe, wer zum Massenmörder wird. (...) Das Problem ist zu komplex und es gibt vieles, was wir nicht wissen.“ Es reiche beispielsweise ebenfalls nicht aus, den ungehinderten Zugang zu Schusswaffen als Ursache zu nennen. Es liege zwar auf der Hand: „Wo es keinen Zugang zu Waffen gibt, kommt es zu keinen Schießereien. Doch der Zugang zu Waffen erklärt die Schulmassaker nicht.“

          Es ist laut Langman auch nicht richtig, dass die Täter in ihren Schulen stets Außenseiter und vom Schulleben ausgeschlossen sind. „Dieses Bild ist irreführend. In ihren schulischen Leistungen waren die Täter meist durchschnittlich oder etwas darüber. Sie waren nicht gefährdet, von der Schule zu fliegen.“ Viele Schul-Amokläufer waren zudem sportlich und nahmen an sportlichen Aktivitäten außerhalb des Unterrichts teil. „Kurzum, das Bild von Schul-Amokläufern als isolierten Schülern, die keinen Kontakt zu ihrer Schule hatten, trifft nicht zu.“

          Ähnliches gelte für Gewalt im Fernsehen, in Filmen, Videos, Computerspielen und Büchern. „Das ist ein komplexes Thema. Auf der einen Seite sind Millionen von Kindern Gewalt in den Medien ausgesetzt, ohne zu Massenmördern zu werden.“ Die Gewalt in den Medien könne Schulmassaker folglich ebenfalls nicht hinreichend erklären.

          Weitere Themen

          Rede mit Hindernissen

          Hongkonger Regierungserklärung : Rede mit Hindernissen

          Tumulte in Hongkongs Parlament hindern Regierungschefin Carrie Lam daran, ihre Regierungserklärung abzugeben. In einer Videobotschaft verspricht sie später bezahlbares Wohnen für Alle. Der Protestbewegung reicht das nicht.

          Topmeldungen

          Brexit-Deal : Kein Tag der Entscheidung

          Auch Boris Johnson ist nicht immun gegen das, was seiner Vorgängerin Theresa May widerfahren war. Mehr als drei Jahre nach dem Referendum liegt der Austritt des Vereinigten Königreichs weiter im Nebel. Vielleicht kann das bei einem Thema von dieser Bedeutung nicht anders sein.
          Ohne Worte: Die Bayern um Manuel Neuer sind enttäuscht.

          Wildes Spiel in Augsburg : Später Bayern-Schock nach Lewandowski-Rekord

          In der Anfangsphase gibt es für den FC Bayern gleich zwei schlechte Nachrichten: Ein früher Rückstand und ein wohl langer Ausfall von Niklas Süle. Danach sieht es auch dank Lewandowski lange gut aus, ehe in der Nachspielzeit alles noch schlimmer kommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.