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Missbrauch in der Familie : Der böse Stiefvater

Der Traummann der Mutter kann zum Albtraum für ihre Kinder werden. Bild: www.plainpicture.com

Warum wird ausgerechnet der neue Mann an der Seite der Mutter so oft zum Missbrauchstäter? Unsere Autorin ist dieser düsteren Frage nachgegangen. Eine Ermittlung.

          8 Min.

          Für die Brüder Grimm war klar, wer das Böse in die Familien trägt und Kindern zum Verhängnis wird: Die fleißige Goldmarie muss sich die Finger blutig spinnen? Das arme Aschenputtel wird schikaniert und gedemütigt? Ein mehrfacher Mordversuch an Schneewittchen? Und wer war es noch mal, der Brüderchen in ein Reh verzaubert und Schwesterchen, dann schon Königin, erstickt?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Richtig. Für die Rolle des Stiefvaters hingegen haben sich weder die Märchensammler noch der Volksmund besonders interessiert. Ein Fehler?

          In Münster ist die Polizei einer Gruppe von Pädokriminellen auf die Spur gekommen, die mitten in einer gepflegten Gartenanlage Kinder schwer missbraucht haben soll. Die Ermittler zeigten sich schockiert über das Ausmaß des Grauens: die Brutalität der Übergriffe; die technische Perfektion, mit der die Taten gefilmt, verschlüsselt und gespeichert wurden; die schiere Masse der Daten. Die Laube, einer von zwei Tatorten, war mit modernsten Kameras ausgestattet. In einem Keller entdeckten die Ermittler einen hochprofessionellen, klimatisierten Serverraum. Sieben Tatverdächtige aus verschiedenen Bundesländern sitzen in Haft. Die Opfer: Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren.

          Der Freund der eigenen Mutter

          Als Schlüsselfigur gilt der 27 Jahre alte IT-Spezialist Adrian V., der in den vergangenen Jahren schon zweimal wegen der Verbreitung von Kinderpornographie zu Bewährungsstrafen verurteilt worden war und sich wegen pädophiler Neigungen einer Therapie unterziehen musste. Der Zehnjährige, den Adrian V. nicht nur wiederholt selbst missbraucht, sondern auch anderen Männern für ihre Taten überlassen haben soll, befindet sich mittlerweile in der Obhut des Jugendamtes. Seinen Peiniger muss das Kind mindestens sein halbes Leben lang gekannt haben. Zeitweilig soll es mit ihm zusammengelebt haben. Adrian V. ist der langjährige Freund der Mutter. Der örtliche Boulevard behauptet, er habe ihn „Papa“ genannt.

          Wie war das noch 2017 im baden-württembergischen Staufen? Der Fall in Münster weist nicht nur deshalb frappierende Ähnlichkeiten mit dem Geschehen damals auf, weil in Staufen ein Versagen von Aufsichtsbehörden und Jugendhilfe nachgewiesen wurde, wie es in Münster noch zu untersuchen sein wird. Auch in Staufen bot ein einschlägig vorbestrafter Pädokrimineller einen Neunjährigen über das Darknet für Missbrauchshandlungen an. Auch dieser Mann war der Freund der Mutter.

          Zwei Gründe für die Überrepräsentation

          Ganz gleich, ob man die Prozessankündigungen eines größeren Landgerichts durchsieht oder Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit hervorkramt: Stiefväter, Stiefväter, immer wieder Stiefväter. Ist der neue Mann an der Seite der Mutter systematisch eine Gefahr?

          Kinderschutzexperten beschäftigt dieser Verdacht schon lange. „Über die Rolle des Stiefvaters ist immer wieder diskutiert worden“, sagt Heinz Kindler, der sich am Deutschen Jugendinstitut (DJI) seit vielen Jahren mit Kindeswohlgefährdung beschäftigt. Wenn es um Gewalt gegen Kinder gehe, um Babys, die totgeschüttelt würden, und alle anderen Formen körperlicher Misshandlung, seien die neuen Lebensgefährten der Mutter überrepräsentiert.

          Dafür gibt es Kindler zufolge zwei Gründe. Einerseits spielten Selektionsprozesse eine Rolle, also schon die Frage der Partnerwahl: Wo häufig die Männer gewechselt würden, lande man mit der Zeit in einem Milieu, in dem „viele relativ gestörte Personen“ unterwegs seien. Andererseits sei ein neuer Lebensgefährte an der Seite einer Frau eben zunächst einmal neu; eine Beziehung zum Kind wachse nur allmählich. Das könne dazu führen, dass häufiger Belastungs- und Krisensituationen aufträten, etwa wenn das Baby sich nicht beruhigen lässt oder das Kind nicht hört.

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