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Missbrauch in der Familie : Der böse Stiefvater

Das Thema Kinderschutz ist Fegert schon seit dreißig Jahren ein Anliegen. Während besonders dramatische Fälle wie Münster oder Staufen für eine öffentliche Debatte sorgen, findet er: „Der eigentliche Skandal ist die Alltäglichkeit von Misshandlung und Missbrauch in unserer Gesellschaft.“ Dabei ärgert es ihn, dass das tatsächliche Ausmaß sexueller Übergriffe auf Kinder in Deutschland gar nicht bekannt ist, weil es bis heute – trotz internationaler Verpflichtungen – keine systematischen Dunkelfeldstudien gibt. Bessern sich die Verhältnisse dank all der Prävention? Oder macht die sexuelle Gewalt im Internet alles schlimmer? Fegert seufzt. Dann merkt er an: „Wir dürfen die Stiefväter nicht generell problematisieren oder gar kriminalisieren.“

Schon die Stiefmütter hatten ihren üblen Ruf nicht verdient. In einer Zeit, in der viele Mütter im Wochenbett starben, war es gut, wenn sich eine neue Frau an der Seite des Vaters um Haushalt und Kinder kümmerte. Eine gewisse Härte war, wenn überhaupt, überkommenen Erziehungsidealen geschuldet, die Disziplin wichtiger nahmen als ein liebevolles Verhältnis. Das jedenfalls sagt Sabine Walper, Forschungsdirektorin am DJI und Deutschlands wohl wichtigste Fachfrau zum Thema Patchwork.

Hauptproblem Kinderpornographie

Heute, da Trennung statt Tod zur Neugründung von Familien führt und Kinder in solchen Fällen vor allem bei ihren Müttern aufwachsen, hat die Stiefvater- die Stiefmutterfamilie abgelöst. Mindestens jeder zehnte Haushalt, schätzt Walper, ist Patchwork. Natürlich sei es eine Herausforderung, auch zu den Kindern eine Bindung aufzubauen, wenn Zugehörigkeit zunächst nur über die Partnerschaft der Erwachsenen begründet sei. Für ein Gelingen gebe es keine Garantie.

Aber, sagt die Familienforscherin: „In aller Regel funktioniert das sehr gut. Die meisten Kinder in Deutschland haben eine gute Beziehung zu ihren Stiefeltern.“ Denn im Idealfall entwickelt sich der neue Lebensgefährte der Mutter zur Bereicherung. Als Bezugsperson im Alltag. Als Teil einer funktionierenden Partnerschaft mit Vorbildfunktion. Angesichts des Armutsrisikos von Alleinerziehenden, sagt Walper, sei auch die größere finanzielle Stabilität nicht zu unterschätzen.

Der gute Stiefvater heißt heute also nicht zufällig auch „Bonuspapa“.

Was den bösen angeht und das Verhängnis der Kinder: Fragt man Kriminologen wie Martin Rettenberger, eine forensische Psychiaterin wie Tatjana Voß oder den Kinderschützer Jörg Fegert, was ihnen aktuell die größten Sorgen bereite beim Thema Missbrauch, geht es weniger um Stiefväter, Mütter und Familienkonstellationen als um Technik: Kinderpornographie, die immer ausgeklügeltere Verbreitung immer drastischerer Missbrauchsabbildungen im Netz. Um mit der Versiertheit der Täter mithalten zu können und ihre geheimen Verbindungen aufzudecken, müssten die Ermittler aufrüsten. Mehr Kompetenzen. Mehr Ressourcen. Mehr Wissen.

Die geplante Gesetzesverschärfung, wie sie sich nach Münster abzeichnet, ist da nur der erste Schritt.

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