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Missbrauch in der Familie : Der böse Stiefvater

Nun sagt die Studie nichts darüber aus, in welchem Verwandtschafts- oder Beziehungsverhältnis die jeweiligen Täter zu ihren kindlichen Opfern standen. Rettenberger allerdings warnt sehr wohl: „Stiefväter können unter besonderen Voraussetzungen ein besonderes Risiko darstellen. Denn wir wissen aus Erfahrung, dass eine bestimmte Tätergruppe gezielt Frauen anspricht, die Kinder haben, um sich dort wieder ein neues Tatumfeld zu schaffen.“ Dabei würde teilweise intuitiv, teilweise auch ganz bewusst der Kontakt vor allem zu psychisch instabilen Müttern gesucht, bei denen die Wahrscheinlichkeit größer sei, dass sie ihrer Schutzfunktion nicht ausreichend nachkommen könnten.

„Hat die Frau Kinder? Passt da jemand in Ihren Opfertypus?“

Auch deshalb sieht Tatjana Voß, wenn sie zehn Jahre forensische Nachsorge in Berlin Revue passieren lässt, vor ihrem inneren Augen vor allem: Stiefvatertypen. „Das sind schon auch die Partner, die Männer der Mütter“, sagt die Psychiaterin über die Missbrauchstäter, die sie als Leiterin der Forensisch-Therapeutischen Ambulanz betreut. Ein historischer Klinkerbau vor den Toren der Haftanstalt Tegel, aber wer hier ein und aus geht, ist frei: Der Job von Voß und ihrem Team ist es, mit einer Kombination aus Therapie, Sozialarbeit und Kontrolle zu verhindern, dass Sexualstraftäter nach Verbüßung ihrer Haftstrafe neue Übergriffe begehen. Das klappe gut, sagt Voß. Die Arbeit von Ambulanzen wie ihrer habe dazu beigetragen, die Rückfallquote bei behandelten Pädophilen von 30 auf acht Prozent zu senken.

Einmal jedoch, erzählt Voß, habe einer ihrer Klienten ihr erklärt, warum er gezielt die Beziehung zu Müttern suche. „Welche Kinder trifft man heute noch unbeobachtet auf der Straße?“, habe der Mann gefragt. Früher hätten Jungen und Mädchen einfach im Freien gespielt. Heute dürfe keiner mehr allein vor die Tür; stattdessen säßen alle vor dem Computer oder der Playstation. Insofern müsse man geradezu eine Frau mit Kindern kennenlernen, um an die Altersgruppe heranzukommen, die der sexuellen Präferenz entspreche.

Für Voß heißt das im Alltagsgeschäft: Berichtet ein Pädophiler, er habe sich mit einer Kollegin getroffen, seine Nachbarin angesprochen oder beim Volksfest eine Frau kennengelernt, haken die Fachleute sofort nach: „Hat die Frau Kinder? Passt da jemand in Ihren Opfertypus?“ Der Mann werde dann verpflichtet, die Frau über seine kriminelle Vorgeschichte zu informieren und dafür zu sorgen, dass er – je nach Auflagen – sie nie im Beisein des Kindes treffe oder nie allein sei mit dem Kind. Wenn nötig, schicke man die Polizei für ein Aufklärungsgespräch vorbei. Allerdings sagt Voß auch: Wenn eine Frau Bescheid weiß, an der Beziehung festhält und sagt, sie passe auf ihr Kind schon auf, dann gelte: „Mehr kann man nicht machen.“ Nur wenn sie fürchte, die Mutter könne ihr Kind nicht richtig schützen, verständige sie das Jugendamt.

Keine systematischen Dunkelfeldstudien bis heute

Jörg Fegert sagt deshalb: „Wir haben im Kinderschutz einen blinden Fleck.“ Der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm spricht auch von einer „friendly-mother illusion“, einem verklärenden Blick auf die Mutter. Denn auch ein Stiefvater wird ja nur deshalb Stiefvater, weil er eine Partnerschaft mit einer Frau mit Kind eingeht: „Insofern hat die Mutter schon eine absolute Schlüsselposition.“ Und: „Wir haben eine erstaunlich hohe Zahl von Müttern, die Mitwisser solcher Taten sind und nichts dagegen unternehmen.“ Man wisse, sagt Fegert, dass das Wegschauen der Mütter für die Betroffenen noch als Erwachsene einen besonderen Schmerz bedeutet. Spätestens seit dem Staufener Fall sei klar: Auch Mütter können aktiv Missbrauchstäterinnen sein.

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