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Missbrauch in der Familie : Der böse Stiefvater

Risiko Stieffamilie?

Aber damit ist man auch schon bei dem entscheidenden Unterschied zum sexuellen Missbrauch. Kindesmisshandlung gilt in den meisten Fällen als Überforderungsgeschehen, bei dem die Täter im Nachhinein glaubhaft versichern, das hätten sie nie gewollt. Sexueller Missbrauch hingegen ist Absicht. Mehr sogar: Missbrauchstaten müssen sehr genau geplant und vorbereitet werden.

Eine niederländische Metastudie, die Jahrzehnte internationaler Forschungsliteratur ausgewertet hat, hat erst im vergangenen Jahr noch einmal bestätigt: Das Aufwachsen in einer Stieffamilie ist ein Faktor, der das Risiko für Kinder erhöht, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden.

Erstens: „Es ist ein schwacher Befund“, sagt Kindler. Eine deutlich größere Gefahr bestehe etwa, wenn es in der Familie schon vorher schwere Grenzverletzungen gegeben habe. Oder wenn die Beziehungen zu den Eltern so stark belastet seien, dass das Kind aus einem emotionalen Defizit heraus empfänglich werde für jede Art von Zuneigung.

Zweitens: Sexueller Missbrauch durch Personen, die mit dem Kind zusammenleben, ist für die Betroffenen besonders schlimm, weil er oft früh beginnt, lange dauert und mit einem massiven Vertrauensbruch einhergeht. Häufiger sind andere Konstellationen. Unterscheidet man zwischen Fremdtätern, Tätern im institutionellen Kontext, aus dem sozialen Umfeld und innerfamiliären Taten, kommt es Kindler zufolge – jedenfalls bei Kindern – am häufigsten zu Übergriffen aus dem sozialen Umfeld: Das sind dann der Onkel, der Cousin, der Nachbar. Schon allein, weil viel mehr Männer zum Umfeld gehören als zum Familienkern.

Drittens: „Statistische Signifikanz ist nicht praktische Bedeutsamkeit.“ Kindler hält nichts davon, Stieffamilien unter Pauschalverdacht zu stellen. „Sinnvoller ist es, weiter zu fragen: Woran könnte es liegen?“ Der Forscher spricht wieder von der Selektionshypothese: In Familien, die wiederholt neu zusammengesetzt seien, gebe es oft vielfältige Belastungen, die mit unklaren Generationengrenzen und einer sexualisierten Atmosphäre einhergehen könnten. Allerdings sagt er auch: „Wir sind überhaupt nicht sicher, ob wir alle Entstehungswege kennen.“

Gezielte Suche nach psychisch instabilen Müttern

Es lohnt sich deshalb, den Spieß umzudrehen. Die entscheidende Frage lautet vielleicht nicht: Warum werden Stiefväter zu Missbrauchstätern? Sondern vielmehr: Wie werden Missbrauchstäter zu Stiefvätern?

Ein Ausflug in die Typologie der Sexualstraftäter. Martin Rettenberger ist Direktor der Zentralstelle für Kriminologie in Wiesbaden. Vergangenes Jahr hat er mit Kollegen eine Studie vorgelegt, die Aufschluss über Störungen der Sexualpräferenz von mehr als 600 Männern gibt, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs im Gefängnis sitzen. Demzufolge haben zwei Drittel der inhaftierten Täter pädophile Neigungen. Allerdings gelten nur zehn bis 15 Prozent dieser Gruppe als exklusiv pädophil, was bedeutet, dass sie in ihrer sexuellen Orientierung ausschließlich auf Kinder fixiert sind. Die Mehrheit der pädophilen Täter also ist sowohl durch Kinder als auch durch Erwachsene sexuell ansprechbar. Das restliche Drittel hingegen, „klassische Ersatzhandlungstäter“, fühlt sich dem Kriminologen zufolge eigentlich gar nicht von Kindern angezogen.

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