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Sechster Verhandlungstag : „Man hat mich dargestellt als Eigentum der Abou-Chakers“

  • -Aktualisiert am

Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, im Berliner Landgericht Bild: dpa

Längst geht es in dem Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und seine Brüder nicht mehr nur um das ursprüngliche Strafverfahren. Vielmehr spielt ein zivilrechtlicher Streit zwischen Abou-Chaker und Bushido eine wichtige Rolle – es geht um Millionen.

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          Arafat Abou-Chaker soll versucht haben, seine Beteiligung an den Einkünften des Rappers Bushido langfristig abzusichern – auch für den Fall einer geschäftlichen Trennung sowie über dessen Tod hinaus. Das jedenfalls legt ein Schriftstück nahe, das auf das Jahr 2010 datiert ist. „Was mich sehr verwundert, ist, dass er seine Ansprüche auf meine Erben übertragen lassen möchte“, sagte Bushido am Montag vor Gericht. Allerdings merkte er an: „Diese Vereinbarung hat er mit sich selbst getroffen.“ Er, der Musiker als Gegenstand der Regelung, habe bis zum vergangenen Herbst nichts davon gewusst: Bushido nannte das Papier „absurd“. Seine Ausführungen deuteten an, Abou-Chaker habe es im Zuge der Streitigkeiten über das Ende der Geschäftspartnerschaft aufsetzen und rückdatieren lassen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Prozess vor dem Landgericht Berlin ist eigentlich ein Strafverfahren, Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder sind angeklagt, Bushido unter anderem erpresst, eingesperrt und verletzt zu haben, als dieser die langjährigen Geschäftsbeziehungen auflösen wollte. Längst jedoch spielt der zivilrechtliche Streit der beiden Männer, bei dem es um Millionenbeträge geht, auch hier eine wichtige Rolle.

          Am Montag kamen gleich mehrere dubiose Dokumente zur Sprache. Zunächst ging es um eine Generalvollmacht aus dem Dezember 2010, die Abou-Chaker ursprünglich den Kauf eines ehemaligen Kasernengeländes in Brandenburg ermöglichen sollte, während der Musiker Weihnachtsferien auf den Malediven machte. Bushido behauptet, die Vollmacht sei immer nur für diese einmalige Verwendung gedacht gewesen, Abou-Chaker habe das später sogar anwaltlich bestätigt, um einem Medienbericht von 2013 entgegenzutreten: „Man hat mich dargestellt als Eigentum der Abou-Chakers.“ Seit Neuestem jedoch behaupte die Partei Abou-Chakers in dem Zivilstreit, die Anwälte hätten damals gelogen. „Als ich das gehört habe, bin ich vom Hocker gefallen“, sagte Bushido. Auf der Grundlage der fragwürdigen Generalvollmacht habe Abou-Chaker diese „Vereinbarung mit sich selbst“  getroffen.

          Ebenfalls überrascht sei Bushido gewesen, als er im Jahr 2018 Aktenordner zurückbekam, die die Steuerfahndung beschlagnahmt hatte, und in denen er nicht nur den ihm bekannten Managementvertrag aus dem Jahr 2007 fand, sondern, dahinter abgeheftet, eine zweite Fassung: Während der ursprüngliche Vertrag Abou-Chaker 30 Prozent an allen Einkünften zugesichert habe, sei in dem zweiten Dokument von 50 Prozent die Rede gewesen. Davon „wusste ich nichts“, sagte Bushido. Er zog die Echtheit auch dieses Dokuments in Zweifel: Während Abou-Chakers Unterschrift „spiegelidentisch“ zur ersten Fassung sei, stelle er an seiner eigenen Unterschrift „Auffälligkeiten“ fest.

          „Arafat der Große“ steht in Bushidos Autobiographie

          Unterdessen versuchte das Gericht, das Verhältnis zwischen dem Rapper und dem angeblichen Clanchef genauer auszuleuchten, das in den bisherigen Ausführungen Bushidos widersprüchlich blieb. Der Vorsitzende Richter, der sich zwischenzeitlich Bushidos Autobiographie besorgt hatte, erkundigt sich nach einem Kapitel mit der Überschrift „Arafat der Große“, in dem dieser „über den grünen Klee“ gelobt werde. Im Laufe des Verfahren hatte Bushido sich eher von Abou-Chaker distanziert. Die Vereinbarung über eine Beteiligung an seinen Einkünften habe er nie gewollt, über weitere gemeinsame Geschäfte will er nur wenig gewusst haben. Jetzt erklärte Bushido, man müsse sich die Verbindung wie eine Zwangsheirat vorstellen. Auch, wenn man gezwungen werde, eine Beziehung einzugehen, sei es „menschlich nachvollziehbar“, es sich darin „lebenswert“ zu machen. Allerdings gab der Rapper am Montag auch zu, dass die gemeinsame Immobiliengeschäfte ihm durchaus „lukrativ“ erschienen seien. Außerdem sagte er: „Das ganze Gangster-Rap-Klischee hat natürlich darauf beruht, dass ich einen Rücken habe.“

          Auf die verwunderte Nachfrage, warum man trotz dieser Ambivalenzen 2011 einen denkmalgeschützen Komplex in Kleinmachnow erwarb, um dort gemeinsam einzuziehen, brachte Bushido seine damalige Freundin und heutige Ehefrau ins Spiel. „Anna-Maria war unfassbar gut mit Arafat Abou-Chaker befreundet“, sagte der Rapper. „Das war für mich ein ganz großer Punkt, warum ich gesagt habe, okay, wir machen das alle zusammen im Familienverband.“ Bushido erzählt von gemeinsamen Disco-Abenden und einem Urlaub zu viert auf den Seychellen. „Es hat mir auch gefallen“, sagt er, das Verhältnis habe sich dadurch entspannt. Im Dezember 2014, „nachdem meine Frau mich verlassen hatte“, habe er dann mit Abou-Chaker „persönlich abgeschlossen“.

          „Er war eine Art gute Fee“

          Die drei mitangeklagten Brüder Abou-Chakers charakterisierte Bushido am sechsten Verhandlungstag wie folgt: Rommel, Jahrgang 1977 und damit nur ein Jahr jünger als Arafat, habe gut Bescheid gewusst über die Geschäfte des Bruders und im Zweifelsfall alle wichtigen Papiere in seinem Kofferraum gehabt: „Er war für mich so eine Art gute Fee.“ Nasser, der als Ältester nächstes Jahr 50 wird, habe die Cafés geführt, die allen als Treffpunkt gedient hätten, ein geselliger Typ, „bei dem alle Stränge zusammengelaufen“ seien. Yasser, 1981 geboren, der Einzige der Angeklagten, der in Untersuchungshaft sitzt, sei eigentlich ein lustiger Zeitgenosse. Aber: „Wenn es irgendwie Ärger gab oder Schlägereien oder Stress – er war dann schon mit dabei.“

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