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Betrugsmasche „Love Scam“ : Naiv, verliebt, betrogen

Beim „Love Scam“ kommt zum finanziellen Verlust das gebrochene Herz dazu Bild: Jan Bazing

Sie ist einsam, er umwirbt sie. Dann braucht er viel Geld, sie überweist es ihm. Warum funktioniert die Masche immer wieder? In Zeiten des Internets ist der Liebesbetrug so verbreitet wie nie zuvor.

          Sein Haar war graumeliert, seine Augen blau - der Mann, der Maria Flick im September letzten Jahres auf ihrer Facebook-Seite anlächelte, war gepflegt und attraktiv. Ohne zu zögern, akzeptierte sie seine Freundschaftsanfrage, sie war seit einem Dreivierteljahr geschieden, alleinerziehend und auf der Suche nach einer neuen Beziehung. In gebrochenem Deutsch schrieb der Mann ihr, er sei Ingenieur im Bereich erneuerbare Energien, genau wie sie 53 Jahre alt und ebenfalls alleinerziehend, da seine Frau verstorben sei. Er lebe in London, komme aber aus dem gleichen süddeutschen Örtchen wie sie und wolle bald dorthin zurückkehren.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Flick schöpfte Hoffnung. Es gab so viele Gemeinsamkeiten, vielleicht war dieser James Arthur ja der Richtige? Es entwickelte sich ein Mail-Verkehr, nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Englisch, bald schrieb sie ihm mehrmals täglich, und immer antwortete er prompt. Er schmeichelte, interessierte sich für ihren Alltag. Sie schickten Fotos hin und her, schließlich erklärte er ihr seine Liebe.

          Maria Flick, kurze blonde Haare, schwarze eckige Brille, schlank und sportlich, ist kaufmännische Angestellte, Avon-Beraterin, und heute weiß sie: „Man ist naiv, wenn man Komplimente kriegt. Ich habe mich schnell verliebt, wie eine Achtzehnjährige. Er hat in mir was rausgezogen, er hat Gefühle geweckt, die man nicht mehr gekannt hat.“ Sie macht eine Pause und fügt dann leise hinzu: „Das sind Profis.“ Doch das wusste sie zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht.

          Einzelne Opfer haben bis zu 800.000 Pfund gezahlt

          Ein paar Wochen später musste Arthur beruflich plötzlich nach Nordafrika, von dort schrieb er ihr, es habe einen Unfall mit drei Toten gegeben. Container seien auf Menschen gestürzt, er brauche jetzt einen Anwalt, um seine Unschuld zu beweisen, doch er habe kein Bargeld mehr, und seine Visakarte sei gesperrt. In London habe er ein Konto, aber das sei mit seinem Fingerabdruck gesichert, da komme er von Nordafrika aus nicht dran. Ob sie ihm Geld schicken könne, mit dem Bezahldienst Western Union, ganz schnell?

          „Es war nicht so, dass ich nicht misstrauisch gewesen wäre“, sagt Flick. „Aber trotzdem habe ich ihm geglaubt. Was macht man nicht alles aus Naivität und Liebe.“ Es war kurz vor Weihnachten, ihrem ersten Weihnachten als geschiedene Frau. „Ich war empfänglich, man ist dann in so einer Stimmung.“ Also zahlte sie.

          Was Maria Flick heute so peinlich ist, dass sie ihren wirklichen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, passiert jeden Tag: Frauen und Männer verlieben sich im Netz in einen Unbekannten oder eine Unbekannte, der ihnen dort mit einer falschen Identität und mit falschem Foto die große Liebe vortäuscht. Dann gerät er oder sie in Not und bittet um Geld. Und das verliebte Gegenüber zahlt. Wie viel, wird von den deutschen Behörden nicht ausgewertet. Aber für Großbritannien hat die britische „Serious Crime Agency“ errechnet, dass einzelne Opfer bis zu 800.000 Pfund gezahlt haben. „Love Scam“, Liebesbetrug, nennt man die Masche, oder auch „Romance Scam“.

          „Vor Weihnachten bekomme ich immer besonders viele Anfragen“

          So häufig wird inzwischen „gescammt“, dass eine britische Wissenschaftlerin schon darüber geforscht hat. „Man sollte Opfern sagen: Wenn die Person dich nicht in den ersten vier Wochen sehen will, such dir jemand anderen. Und gib nie jemandem Geld“, fasst Monica Whitty, Professorin für Zeitgenössische Medien an der Uni Leicester, ihre Untersuchungen über den Love Scam zusammen.

          Whitty hat mit Hilfe einer britischen Stelle zur Ermittlung im Bereich Internetbetrug errechnet, dass in Großbritannien zwischen April 2010 und April 2011 592 Männer und Frauen Opfer von Love Scammern geworden sind. 203 Opfer überwiesen ihrem jeweiligen Scammer mehr als 5000 Pfund, Frauen verloren dabei insgesamt gesehen mehr Geld als Männer. Whitty schätzt, dass es unter Einbezug der Dunkelziffer in Großbritannien bis zu 230 000 Opfer geben könnte, und vieles deutet darauf hin, dass es hierzulande nicht weniger sind.

          Monika Brandes, die Opfern dabei hilft, herauszufinden, wie ihr Scammer wirklich heißt, hat innerhalb der letzten sechs Jahre mehrere tausend Fälle bearbeitet und mehr als 60.000 Mails gespeichert. „Vor Weihnachten bekomme ich immer besonders viele Anfragen von abgezockten Frauen“, sagt Brandes, die aus Angst vor den Scammern ihren wirklichen Namen nicht veröffentlichen will.

          Nach drei bis sechs Wochen wird das Verfahren eingestellt

          Besonders gut erinnert sie sich an einen Fall aus Baden-Württemberg. Eine Frau Mitte Vierzig, verheiratet mit einem Arzt und Mutter von zwei Kindern, war einem Scammer auf den Leim gegangen und hatte ihm bereits 50 000 Euro vom Familienkonto überwiesen, als ihr Ehemann sich an Brandes wandte. Brandes riet ihm, alle Konten für seine Ehefrau zu sperren und ihr nur noch Bargeld auszuhändigen. Der Arzt hielt sich aber nicht daran. Vor einem Jahr erfuhr Brandes dann, dass die Frau weitere 200.000 Euro an den Scammer überwiesen und der Arzt die Scheidung eingereicht hatte. „Das Geld hat der Mann nie wiedergesehen.“

          Brandes indes ist sogar schon angeboten worden, sich als Handlangerin zu verdingen und so selbst Kasse zu machen. „Ein Scammer, der wusste, dass ich mich gegen seinesgleichen einsetze, fragte mich, ob ich nicht für ihn Gelder eintreiben wolle, und er würde mir dann einen Teil davon abgeben“, erzählt sie. Natürlich habe sie abgelehnt. Aber wenn sie sich anschaut, wie die Ermittler so mit dem Delikt Love Scam umgehen, dann ahnt sie, dass ihre Tugendhaftigkeit hier auch nicht weiterhilft: „Wenn die Frauen einen Scammer anzeigen, wird das Verfahren nach drei bis sechs Wochen eingestellt.“

          Allen Alarmsignalen zum Trotz

          In Internetforen wie „romancescambaiter.de“ oder „gofeminin.de“ gibt es Dutzende Berichte von geschröpften und frustrierten Frauen. Eine von ihnen ist „Misch74“, eine Schweizerin. Sie schreibt, sie habe in einer kostenfreien Online-Partnerbörse einen vierzig Jahre alten Ingenieur kennengelernt, der siebzehn Jahre auf einer Bohrinsel gearbeitet habe und sich dann im Ölanlagenbau selbständig gemacht habe. Der Mann sei unheimlich attraktiv gewesen, sie habe sich „gewundert, dass er Single ist bzw. geschieden“, aber er habe ihr erklärt, „seine Ex-Frau hätte ihn betrogen und er habe einen neunjährigen Sohn namens Daniel“. Er schrieb, er müsse demnächst nach Malaysia, aber danach wolle er sie unbedingt kennenlernen. „Ich dachte mir, naja, wieso nicht - obwohl mir es schon komisch vorkam, dass er an mir Interesse zeigte. Er schrieb dann, dass er keine extrem schlanke Frau mehr möchte sondern eine mit Herz und Verstand. Hat mich eingelullt mit Liebesschwüren und ich doofe Kuh fiel darauf rein. Trotz diverser Signale, die mich extrem stutzig machten.“

          Zum Beispiel schrieb der Mann, er habe keinen Laptop bei sich, sondern könne von Malaysia aus nur über den Lobby-Computer skypen, allerdings ohne Kamera, da Skypen in der Öffentlichkeit dort verboten sei. Auch habe er nur ein altes Mobiletelefon ohne Kamera, das nur für Anrufe und SMS tauge. „Es kam mir alles komisch vor“, schreibt Misch74: „Habe ihn auch gegoogelt und im ganzen Internet geforscht. Natürlich kein Ergebnis. Alarmglocken auf Höchststufe. Trotzdem hat er mich so dermaßen einlullen können. Hat mir süße SMS geschrieben, haben jeden Tag geskypt. Er war immer zuckersüß. Und kurz vor Weihnachten ging’s dann los . . .“ Für den 23. Dezember hatte der Mann sein Kommen angekündigt, da dann sein Projekt fertig sei. Doch kurz vorher begannen die Probleme. Er erzählte, er müsse die Malaysier schmieren, und habe nun zu wenig Geld für den Transport der Ölanlageteile. 3000 Euro müsse er auftreiben. „Wiederum stutzig, sagte ich ihm, dass ich so viel Geld nicht auftreiben könnte. Da ging’s ab . . . Er machte mir so ein schlechtes Gewissen. Natürlich machte ich mir Gedanken, da ich Gefühle entwickelte. Und ja, ich Trottel überwies das Geld nach einiger Zeit. Zuerst 1600 Euro und nach unzähligen Gesprächen 2400 Euro.“

          Ein gefälschtes Flugticket als Beleg

          Danach wollte der Mann noch 6850 Euro für eine Transportversicherung, sein Kommen verzögerte sich um zwei Wochen, und in diesen zwei Wochen drohte er dann noch mit Selbstmord und einer krebskranken Mutter, deren Pflegeheimplatz er nicht bezahlen könne.

          Über einen Kollegen, dem sie sich anvertraute, erfuhr Misch74 vom Phänomen Love Scam. Als sie ihrem Scammer die Meinung sagen wollte, kam er nicht mehr online. Sie schreibt: „Nun bin ich finanziell sehr geschädigt. Fühle mich sehr gedemütigt, und es ist mir peinlich, dass mir dies passieren konnte, da ich ein sehr misstrauischer Mensch bin. Habe meinen Gefühlen nicht vertraut - nun habe ich die Quittung.“

          Maria Flick zahlte ebenfalls eine fünfstellige Summe an ihren Scammer. Nicht auf einmal, sondern nach und nach. Nachdem sie ihm das Geld für den Anwalt geschickt hatte, wollte Arthur sie besuchen. Doch vom Flughafen in Nordafrika aus rief er sie an, mit einer umgeleiteten Vorwahlnummer. Er habe Übergepäck, sie müsse sofort Geld überweisen.

          Er schickte ihr sogar ein Foto von seinem Flugticket - es war gefälscht, wie sie inzwischen weiß. Damals jedoch zahlte sie. Und nicht nur sie allein. Eine Frau, von der Arthur behauptete, sie sei eine ehemalige Nachbarin von ihm, überwies über Flicks Konto ebenfalls Geld an Arthur - weil sie kein Konto bei Western Union hätte, wie Arthur behauptete. Flick schöpfte keinen Verdacht und glaubte den Begründungen Arthurs. Wie sie so naiv sein konnte, ist ihr heute ein Rätsel.

          Aus dem Dunstkreis der „Nigeria Connection“

          Forscherin Whitty hat die Psyche etlicher Opfer untersucht und herausgefunden, „dass Menschen, die starke romantische Überzeugungen haben, ein größeres Risiko haben, Opfer von Scammern zu werden, vor allem jene Menschen, die zur Idealisierung ihres Partners neigen“. Viele der weiblichen Opfer seien in früheren Beziehungen auch ausgenutzt worden. Nicht bewahrheitet habe sich indes die Annahme, dass Frauen mittleren Alters besonders häufig Opfer von Scammern würden. Vielmehr sei für viele Opfer entscheidend gewesen, dass der Scammer sie bedingungslos angehimmelt habe.

          Auch die Täterprofile hat Whitty untersucht. Männliche Scammer, so weiß sie, kämen oft aus Afrika, und sie gäben sich als wohlhabende, alleinerziehende Witwer aus. Typische Berufe seien General, Geschäftsmann oder Firmeninhaber. Weibliche Scammer kämen häufig aus Russland oder Osteuropa und behaupteten, sie seien jung und verletzlich, typische Berufe seien Krankenschwester oder Lehrerin. In Wirklichkeit aber stammen die Täter aus dem Dunstkreis der seit Mitte der achtziger Jahre in Deutschland tätigen sogenannten „Nigeria Connection“, heißt es bei der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Die „Nigeria Connection“ forderte ihre Opfer seinerzeit mit Faxen und Briefen dazu auf, gegen Provision beim Transfer von Millionenbeträgen behilflich zu sein.

          Strafanzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche

          Love Scam ist allerdings noch viel perfider, weil hier zum finanziellen Verlust das gebrochene Herz dazu kommt. Und das schmerzt weit mehr als das verlorene Geld, wie auch Maria Flick erfahren musste. Nachdem sie ihrem James das Geld für das Übergepäck geschickt hatte, wurde er, noch bevor er sie endlich besuchen konnte, in einen Verkehrsunfall verwickelt. Aus der Klinik rief er sie an und flehte sie an, er brauche Geld, um die Ärzte zu bezahlen. Da hatte sie ihren Dispokredit schon ganz ausgereizt. Arthur verlangte, sie solle ihre Freunde anpumpen, ein Kredit bei einer anderen Bank aufnehmen. Er werde sich umbringen, wenn sie ihm nicht helfe. Da endlich vertraute sich Flick einer Freundin an. „Bist du eigentlich bescheuert?“, fragte die.

          Im April - nach acht Monaten und mehr als 2000 Mails - wurde Flick dann von der Kriminalpolizei vorgeladen. Ihre Bank hatte Strafanzeige gegen sie wegen des Verdachts der Geldwäsche gestellt. Da waren bereits fast 20.000 Euro an Arthur geflossen. Flick sagte aus, dass sie keine Geldwäscherin sei, und die Polizei glaubte ihr.

          Heute, ein halbes Jahr später, sucht sie immer noch nach einer Schulter zum Anlehnen. Und sie wird immer noch mindestens einmal im Monat von alleinerziehenden Witwern angeschrieben, die nur gebrochen Deutsch sprechen. Vor kurzem hat sich ihr jemand in fast identischen Worten vorgestellt wie seinerzeit James Arthur. Sie schrieb zurück, dass sie diese Masche kenne. Daraufhin meldet der Mann sein Profil bei Facebook ab.

          Die Anzeige gegen Geldwäsche wurde kürzlich fallengelassen. Maria Flick hofft, dass sie auch ihr Geld zurückbekommt. Ansonsten muss sie jetzt sechs Jahre lang ihren Bankkredit in Höhe von 10.000 Euro abzahlen. „Ich fühl mich beschissen“, sagt sie. „Er hat so viel kaputtgemacht.“

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