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Waffenhandel im Netz : Viele Verdächtige im Darknet

  • -Aktualisiert am

Das Bundeskriminalamt hat am Mittwoch in Wiesbaden über das Thema Cybercrime informiert. Damit befasst sich seine „Cybercrime Intelligence Unit“. Bild: dpa

Auf kein anderes Land haben es Cyberkriminelle so sehr abgesehen wie auf Deutschland. Derzeit stehen 85 Menschen im Verdacht, im Darknet mit Waffen oder Sprengstoff gehandelt zu haben.

          Deutschland ist im internationalen Vergleich ein „Hauptzielland“ für alle Kriminalität, die sich gegen Informationstechnik richtet oder mittels dieser begangen wird. Das teilte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) Holger Münch am Mittwoch in Wiesbaden mit. Zwar beläuft sich die polizeilich erfasste Gesamtschadenssumme  durch Cybercrime für 2015 auf überschaubare 40,5 Millionen Euro. Allerdings wurden dabei nur die Delikte Computerbetrug und Betrug mit Zugang zu Kommunikationsdiensten erfasst.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Unter Computerbetrug versteht man etwa, wenn Onlinetickets der Deutschen Bahn mit illegal erworbenen Kreditkartendaten gebucht werden. Ein Fall illegalen Zugangs zu Kommunikationsdiensten wurde zum Beispiel im Oktober 2015 registriert. Den Tätern gelang es damals, die Telefonanlage einer Hochschule anzugreifen. Innerhalb eines Wochenendes wurden 12.000 Telefonverbindungen in mehrere afrikanischen Länder aufgebaut. Der Schaden betrug 120.000 Euro.

          Hinzu kommt etwa die digitale Erpressung. Dafür nutzen die Täter Schadprogramme, mit denen sie Daten verschlüsseln oder löschen können. Um das zu unterlassen, verlangen sie von ihrem Opfer ein Lösegeld, das dieses mit einer „Kryptowährung“ bezahlen soll. Die zu so einer Straftat nötige Infrastruktur wird laut Münch in den anonymen Bereichen des Internets, dem sogenannten Darknet, gewissermaßen als Komplettpaket angeboten.

          Der Schaden ist immens

          Münch wies darauf hin, dass die Dunkelziffer im Bereich der Cyberkriminalität enorm hoch sei. Der geschätzte tatsächliche Gesamtschaden liege bei 1,6 Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts. Die enorme Diskrepanz erklärte Münch damit, dass Schäden entweder nicht bemerkt würden oder dass etwa Unternehmen aus Angst vor einem Reputationsverlust Schäden gar nicht zur Anzeige brächten. Dabei sei vor allem die Industrie durch die fortschreitende Digitalisierung – „Industrie 4.0“ – immer mehr Gefahren ausgesetzt.

          Auch der Trend, private mobile Endgeräte wie Smartphones, die oft nur unzureichend geschützt sind, in die Netzwerke von Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen zu integrieren, habe die Angriffsmöglichkeiten gemehrt. Münch rief dringend dazu auf, jeden Schaden zur Anzeige zu bringen. Man müsse unter allen Umständen verhindern, dass die Tat für die Kriminellen erfolgreich sei oder auch nur folgenlos bleibe.

          Münch hob hervor, er teile die Einschätzung des Chaos Computer Club (CCC), der davor gewarnt hatte, die anonymen Bereiche des Internets zu verteufeln. Das Darknet sei wichtig für Personen, die bei freier Meinungsäußerung staatliche Repressionen befürchten müssten. Man dürfe aber auch die Kehrseite des Darknet „nicht verniedlichen“. Digitale Schwarzmärkte, auf denen von Waffen bis zu Drogen alles Mögliche feilgeboten wird, spielten eine immer größere Rolle. Allein in Deutschland hätten die Ermittlungsbehörden im vergangenen Jahr fünf solcher Schwarzmärkte ausgehoben und vom Netz genommen. Das BKA verfüge über eine Spezialdienststelle, in der Polizeibeamte und Cyberanalysten zusammenarbeiteten. Es gelte, digitale und analoge Ermittlungsarbeit zu verzahnen: „Wenn wir Personen aus der Szene umdrehen können, dann tun wird das.“

          Handlungsbedarf eher bei Ressourcen als bei Gesetzen

          Im Moment seien 85 Strafverfahren gegen ebenso viele Personen anhängig, die im Verdacht stehen, im Darknet mit Waffen oder Sprengstoff gehandelt zu haben. Handlungsbedarf sieht Münch weniger im gesetzgeberischen Bereich als vielmehr bei den personellen Ressourcen. Es gebe „eher eine Fähigkeitslücke“ als rechtlichen Nachholbedarf. Es wäre aus seiner Sicht allerdings „hilfreich“, wenn es im Strafrecht eine Rechtsgrundlage für die verdeckte Onlinedurchsuchung gäbe, um etwa an Passwörter von Kriminellen zu kommen.

          Münch äußerte sich am Mittwoch auch zu der jüngsten Serie von Gewalttaten und Terroranschlägen. Er sprach von einer „sehr dynamischen Lage“. Einerseits sei der IS in der Lage, „hochkomplexe und größere Anschläge wie in Brüssel und in Paris durchzuführen, durch eine Kombination aus Rückkehrern, Daheimgebliebenen und gezielt dem Flüchtlingsstrom Zugesteuerten“. Andererseits verfolge er eine Art „Regenmacherstrategie“. Der IS fordere zu einem ganz breiten Spektrum an Anschlägen auf - sobald einer dann einen Anschlag macht, ist das ein Beweis dafür, dass die Propaganda erfolgreich ist.“

          Es müsse jetzt darum gehen, die Dynamik zu brechen. Das könne durch verstärkte „Präsenzmaßnahmen“ geschehen. Er verlangte allerdings auch eine Debatte über die mediale Berichterstattung, die in möglichen Nachahmern womöglich das Gefühl verstärke, sie könnten durch einen Anschlag ihrem Dasein Bedeutung geben.

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