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Vorwürfe gegen Jesuiten-Pater : Missbrauchskandal weitet sich aus

Auch zwei ehemalige Schüler der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg haben sich gemeldet Bild: dpa

Nach dem Bekanntwerden von etwa 20 Fällen von sexuellem Missbrauch durch zwei Patres am Canisius-Kolleg in Berlin in den siebziger und achtziger Jahren haben die Jesuiten nun auch Kenntnis von mutmaßlichen Opfern an anderen Schulen.

          Der deutsche Chef des Jesuiten-Ordens, Provinzial Stefan Dartmann, hat sich bei Opfern, Lehrern und Eltern für die Fälle sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Gymnasium in den siebziger und achtziger Jahren entschuldigt. „Ich bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigen und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde“, hieß es am Montag in einer Erklärung. In einer Pressekonferenz am Montagnachmittag in Berlin dankte er den Opfern, weil sie trotz belastender Erinnerungen ihre Stimme erhoben hätten.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          An der Berliner Schule soll es zu rund 20 Missbrauchsfällen durch zwei Jesuiten-Patres gekommen sein. Einer der Beschuldigten, der 69 Jahre alte ehemalige Religionslehrer Peter R., bestreitet sämtliche Vorwürfe und gibt keine Stellungnahmen ab. Nach seiner Zeit am Canisius-Kolleg war er in Niedersachsen als Seelsorger für Jugendliche tätig. Laut Dartmann baute R., der heute in Berlin lebt, in Göttingen von 1982 an die Jugendarbeit auf. Als es dort von Mädchen Hinweise auf Übergriffe gab, so Dartmann, habe die Ordensleitung R. zur Rede gestellt und ihn aus der Jugendarbeit herausgezogen. 1989 beantragte er die Beurlaubung für drei Jahre, arbeitete aber weiter im Bistum Hildesheim, ohne Jugendarbeit machen zu dürfen.

          Dartmann Ende 2006 informiert

          Der andere Pater, Wolfgang S., gestand 1991 dem Orden seine Taten. Auch in einem Brief vom 20. Januar, aus dem der „Spiegel“ zitiert, gesteht S. seine Schuld ein. Es sei „eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe“. Er habe schon 1991 seinen „damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert“. Dartmann teilte dazu am Montag mit, er sei Ende 2006 vom Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Mertes, darüber informiert worden, dass Betroffene sich gemeldet hätten. Sie hätten damals um absolute Diskretion gebeten.

          Provinzial Stefan Dartmann steht an der Spitze der Jesuiten in Deutschland

          Wolfgang S. hat nach seiner Zeit am Canisius-Kolleg an zwei weiteren katholischen Schulen unterrichtet, von 1979 bis 1982 an der St.-Ansgar-Schule in Hamburg, von 1982 bis 1984 am St.-Blasien-Kolleg im Südschwarzwald. Von 1996 bis Ende 2009 arbeitete S. in Santiago de Chile für das Kolpingwerk. Er war dort für Bildungsarbeit zuständig und später auch für ein Studentenwohnheim. Wie ehemalige Mitarbeiter dieser Zeitung sagten, hatte er aber keinen direkten Kontakt zu den Studenten. Im Dezember 2009 sei der nun 65 Jahre alte Mann in Rente gegangen.

          Der Geschäftsführer der Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerks, Hans Brolshagen, sagte, er habe S. als kompetenten und zuverlässigen Menschen kennengelernt, der vor seiner Einstellung beim Kolpingwerk mit seiner Frau, die er in Chile kennengelernt hatte, und einer Tochter dort gelebt habe. Der Leiter der St.-Ansgar-Schule, Friedrich Stolze, sagte dieser Zeitung, seit Bekanntwerden der Vorwürfe an Wolfgang S. hätten sich bei ihm bereits drei Missbrauchsopfer gemeldet. Es stehe zu befürchten, dass es mehr würden. Er habe sie an die mit dem Fall betraute Anwältin weitergeleitet. An den 21 katholischen Schulen in Hamburg sei ihm kein weiterer Missbrauchsfall bekannt.

          Missbrauch auch in St. Blasien

          Der Leiter des St.-Blasien-Kollegs, Pater Johannes Siebner, wollte sich nicht dazu äußern, ob bereits Missbrauchsfälle an seiner Schule bekannt seien. Er werde selbst nichts für eine weitere Aufklärung unternehmen, weil er „die Opfer nicht instrumentalisieren wolle, um gut dazustehen“. Der „Spiegel“ zitiert den ehemaligen Schuldirektor des St.-Blasien-Kollegs, Pater Hans Joachim Martin, mit den Worten, ihm sei das „innige, väterliche Verhalten“ des Lehrers Wolfgang S. zu einigen Schülern aufgefallen. Der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte Martin darüber hinaus, mehrere Schüler hätten sich in den siebziger Jahren an ihn gewandt, weil sie von drei Erziehern des Internats sexuell missbraucht worden seien. Er habe die Mitglieder des Ordens daraufhin aus dem Kolleg entlassen.

          Martin wirft der Ordensleitung vor, der Schulleitung von St. Blasien die Vorfälle um Wolfgang S. in Berlin verschwiegen zu haben. Dann sei es auch in St. Blasien zu Missbrauch gekommen. Wolfgang S. habe ihm gegenüber die Vergehen zugegeben. Daraufhin habe er die Ordensleitung informiert, und Wolfgang S. habe die Schule 1984 verlassen. Dartmann bestätigte, dass Wolfgang S. auch Übergriffe in St. Blasien gestanden habe. S. habe an seinem Problem gearbeitet und habe nach seiner Berliner Zeit viermal in der Woche eine Psychoanalyse in Hamburg absolviert. Von St. Blasien aus sei er regelmäßig nach Freiburg zur Gruppentherapie gefahren.

          Kein direkter sexueller Verkehr

          Bei beiden Beschuldigten, sagte Dartmann, habe es keinen direkten sexuellen Verkehr gegeben. Die Ermittlungen über den Missbrauch hat man der Anwältin Ursula Raue übertragen, sie war Vorsitzende der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“. Bis Mitte Februar soll sie Dartmann einen Zwischenbericht abgeben. Raue sagte am Montag im Deutschlandfunk, sie könne es sich nach der ihr bislang bekannten Aktenlage nicht erklären, warum es auf einen entsprechenden Brief, den acht Schüler an die Schulleitung und das Bischöfliche Ordinariat schon 1981 gerichtet hatten, nie eine Antwort gab.

          Die Jesuiten

          Sie tragen keine Ordenstracht und leben nicht zurückgezogen im Kloster. Sie unterrichten an Hochschulen und sind bekannt für anspruchsvolle Predigten: Die Jesuiten gelten als intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche. 1534 gründete der Spanier Ignatius von Loyola die „Societas Jesu“ (Gesellschaft Jesu), wie der Orden ursprünglich hieß. Bildung, Missionierung, Spiritualität und Sorge um die Armen gehören zu den Aufgaben des Ordens, der an seine Mitglieder hohe Anforderungen stellt: Jesuiten absolvieren eine theologische und philosophische Ausbildung.

          In der Gegenreformation spielten die Jesuiten eine wichtige Rolle und gründeten zahlreiche Ordenshäuser in protestantisch gewordenen Regionen. Zwischenzeitlich war der Jesuitenorden mehrfach verboten - vielen Herrschern war er zu mächtig geworden. Im Deutschen Reich etwa wurden die Jesuiten ab 1872 als Reichsfeinde verfolgt.

          Wie in vielen katholischen Ordensgemeinschaften mangelt es auch den Jesuiten in Deutschland an Nachwuchs: 1967 waren es noch 1200 Männer, heute zählt der Orden rund 400. Zu den bekanntesten Jesuiten des 20. Jahrhunderts gehören der Konzilstheologe Karl Rahner und Hugo Lassalle, der den Zen-Buddhismus mit der christlichen Mystik verbinden wollte. (dpa)

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