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Volkmarsen nach der Attacke : „Es ist wie auf einer Beerdigung“

Ermittlungsbeamte untersuchen das Auto, das bei einem Rosenmontagszug in eine Menschenmenge gefahren war. Bild: dpa

Die hessische Kleinstadt Volkmarsen wird an Karneval Schauplatz einer Auto-Attacke. Augenzeugen berichten vom Schockmoment – und der Hilfsbereitschaft der Menschen.

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          Auf dem Asphalt in Volkmarsen klebt Konfetti. Zwischen zwei Häusern ist eine Girlande aus Luftballons gespannt. Doch feiern will hier am Montagabend niemand mehr. Der Karnevalszug in der Kleinstadt im Norden Hessens wurde abgebrochen. Ein 29 Jahre alter Mann fuhr am Montagnachmittag mit einem Auto während des Umzugs in eine Menschenmenge. Zuerst hieß es, dass 30 Personen verletzt worden seien, sieben von ihnen schwer. Mittlerweile wird die Zahl der Verletzten mit mehr als 50 angegeben. 18 davon sind Kinder. Laut der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die die Ermittlungen übernahm, lebte der Fahrer des Autos selbst in Volkmarsen, einem 7000-Einwohner-Ort.

          Am Abend gehen verkleidete Menschen nach Hause. Die Kostüme verraten noch, dass es ein heiterer Tag werden sollte, doch die Blicke der Menschen sind auf den Boden gerichtet. Einige weinen. „Ich habe keine Worte“, sagt ein Passant. An einem Wurststand, etwa zweihundert Meter vom Tatort entfernt, fallen die Worte: „Es ist wie auf einer Beerdigung.“ Neben dem Mann, der das sagt, steht eine Frau. Sie fängt immer wieder an zu sprechen, doch hält zwischendurch inne, als könnte sie es nicht fassen. „Wenn meine Tante und ich nicht so langsam mit dem Schminken gewesen wären, hätten wir genau dort gestanden“, sagt sie. Ihre Tante wohne in der Nähe des Tatorts.

          Auf den Fahrer eingeprügelt

          Auch Andreas Augstein war mit seiner Familie zu dem Umzug gegangen. Etwa dreißig Meter sei er entfernt gewesen, berichtet er, als das Auto in die Menschenmenge fuhr. „Ich konnte mich vor Schock nicht mehr bewegen“, sagt er. Dann habe er versucht, seine Kinder zu schützen. Jetzt ist er noch einmal hinausgegangen. „Wir sind hier nur noch zusammen, um zu überlegen, wie wir den Angehörigen helfen können.“

          Nicht nur der Umzug wurde abgesagt, in Volkmarsens Kneipen läuft an diesem Abend keine Musik. Volkmarsen ist eine Kleinstadt, viele Menschen kennen sich. Zwei Frauen, die mit ihren Kinder nach Hause eilen, sagen: „Es ist sonst immer friedlich hier.“ In der Nähe des Bahnhofs sei direkt eine Seelsorge eingerichtet worden. „Wir sind alle total traurig.“ Augstein sagt: „Eigentlich ist alles immer so weit weg, auf einmal ist es bei uns.

          Der Tatort ist abgesperrt. Schwarzer Sichtschutz verhindert, dass man auf die Straße schauen kann. Vor wenigen Stunden stand eine junge Frau noch genau dort. Sie hat mit angesehen, wie der Wagen in die Menschenmenge fuhr. Das Auto sei direkt an ihr vorbeigefahren, in die Menschenmenge, erzählt sie. Anfangs habe der Wagen beschleunigt. Erst sei er auf der rechten Straßenseite gefahren, dann sei er auf die linke Seite gezogen. Dorthin, wo mehr Menschen gestanden hätten.

          Sie habe gesehen, berichtet die Augenzeugin, wie Menschen über die Motorhaube geflogen seien und dann auf dem Boden aufprallten oder auf andere Menschen fielen. Der Wagen fuhr von den Gleisen in der Nähe des Bahnhofs bis zu einem Supermarkt den Steinweg hinunter. Als er zum Stehen gekommen sei, hätten andere Menschen die Türen des Wagens aufgerissen, und einige hätten auf den Fahrer eingeprügelt.

          „Ich habe noch nie so ein kaputtes Auto gesehen“, sagt eine Frau. Die Windschutzscheibe sei komplett demoliert gewesen. „Alle haben sich umeinander gekümmert und geholfen, wieder aufzustehen“, sagt die Augenzeugin.

          Einer anderen Teilnehmerin des Umzuges kommen immer wieder die Tränen. Ihrer beste Freundin und zwei weitere Freundinnen seien unter den Verletzten. Eine von ihnen sei mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden. Die dreißig Verletzten wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Ihr Zustand ist immer noch unklar. „Es ist alles ganz schrecklich“, sagt die junge Frau. In dieser Nacht zu schlafen werde für sie schwierig werden. Für diesen Dienstag ist um 18 Uhr ein Gedenkgottesdienst geplant.

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