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Wer ist Virginia Giuffre? : „Er weiß genau, was er getan hat“

Virginia Giuffre gibt im August eine Pressekonferenz vor einem Gericht in Manhattan. Bild: AP

Sie ist zur prominentesten Stimme der Opfer im Missbrauchsprozess um Jeffrey Epstein geworden: Virginia Giuffre wurde mit 16 Jahren von dessen Freundin in einem Spa rekrutiert – und flog wenig später mit ihnen nach London zu dem Treffen mit Prinz Andrew.

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          Prinz Andrew habe Schweiß auf sie geregnet, sagt Virginia Giuffre und zeichnet mit ihren Finger den Weg der Perlen nach, während die Kameras der BBC auf sie gerichtet sind. Im Interview, dass vor Wochen aufgezeichnet und am Montag ausgestrahlt wurde, wird Giuffre noch berichten, wie sehr sie sich damals, als Siebzehnjährige, vor Prinz Andrew geekelt habe. Von ihm abgewendet habe sie sich jedoch nicht. „Ich wusste, ich muss ihn glücklich machen, weil es das war, was Jeffrey und Ghislaine von mir erwartet haben.“

          Giuffre spricht von Jeffrey Epstein, dem Investmentbanker und verurteiltem Sexualstraftäter, der sich im August im Zuge weiterer Ermittlungen gegen ihn in einem New Yorker Gefängnis das Leben genommen hat. Und von Ghislaine Maxwell, seiner langjährige Partnerin und Vertraute, die mutmaßlich an den Missbrauchsfällen beteiligt war und junge Mädchen in Epsteins Haus und damit in einen Ring aus Missbrauch und Menschenhandel brachte.

          So wie Virginia Giuffre, die inzwischen zu einer der prominentesten Zeuginnen in dem Fall geworden ist. Denn sie hat eben nicht nur Epstein belastet, sondern auch Prinz Andrew, den zweiten Sohn der britischen Königin. Das BBC-Interview war ihr erster Auftritt vor britischer Presse. Er sollte ein Appell an die britische Bevölkerung sein, sich an ihre Seite zu stellen. „Das ist nicht irgendeine schmutzige Sexgeschichte. Das ist eine Geschichte über Menschenhandel. Es ist die Geschichte über Missbrauch und es ist die Geschichte über ein Mitglieds eures Königshauses,“ sagte sie.

          Giuffre lernte Maxwell in einem Spa kennen

          Die Missbrauchsvorwürfe erhebt die 35 Jahre alte Amerikanerin nicht zum ersten Mal und nicht erst jetzt. Bereits 2009 gab sie im Zuge eines Prozesses gegen Epstein an, von ihm und Maxwell missbraucht worden zu sein. 2015 dann klagte sie gegen Maxwell wegen Verleumdung. Beide Parteien einigten sich damals außergerichtlich, kurz bevor der eigentliche Prozess beginnen sollte. Ein Großteil dieser Gerichtsunterlagen, etwa 2000 Seiten, sind im Zuge der neuen Ermittlungen gegen Epstein nun öffentlich gemacht worden, nachdem sie lange unter Verschluss waren. Schon damals berichtete sie von dem Treffen mit Prinz Andrew.

          Aus den Unterlagen und Aussagen geht hervor, dass Giuffre, die damals noch Roberts hieß, als Jugendliche im Spa von Donald Trumps Ressort Mar-a-Lago in Florida arbeitete, als Ghislaine Maxwell auf sie aufmerksam wurde. Unter Eid berichtete Giuffre, Maxwell sei im Jahr 1999 auf sie zugekommen und habe behauptet, sie suche eine Masseurin, die, wenn alles passt, ihre Kunden auf Reisen begleiten werde, viel Geld verdienen könne und weitergebildet werde.

          Die damals gerade 16 Jahre alte Giuffre sagte zu. Doch in Epsteins Anwesen in Palm Beach angekommen sei es nicht bei Massagen geblieben. Giuffre sagte aus, mit Unterstützung von Maxwell zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. In deren Anschluss habe Epstein ihr 200 Dollar gegeben. Mit 17 Jahren dann, so Giuffre, sei sie mit Epstein nach London geflogen, wo sie, nach dem Treffen im Nachtclub, zum ersten Mal mit Prinz Andrew in Maxwells Apartment habe schlafen müssen. Noch zwei Mal habe sich ähnliches ereignet, berichtet Giuffre: 2002 einmal in Epstein New Yorker Anwesen und dann in seinem Haus in der Karibik.

          Insgesamt vier Jahre sei sie von Epstein und seiner Vertrauten zur Prostitution gezwungen worden. Dann, so berichtet die heute dreifache Mutter, sei es ihr möglich gewesen ins Ausland zu fliehen und sich zu verstecken.

          Gegen Prinz Andrew selbst ist Giuffre bislang nicht gerichtlich vorgegangen und auch die amerikanischen Behörden ermitteln bisher nicht direkt gegen ihn. Dass das noch geschehen könne, schließen die Behörden aber nicht aus – die Untersuchungen laufen schließlich noch.

          Was Giuffre mit ihrem Interview erreichen möchte, ist hingegen klar: Glaubwürdigkeit. Als sie im Laufe des Verfahrens im August vor die Pressereporter in New York getreten ist, sagte sie in ruhigem Ton über Prinz Andrew: „Er weiß genau, was er getan hat und ich hoffe, dass er die Wahrheit sagen wird.“ Jetzt, vor den Kameras der BBC und Monate später haben sich Ton und Wortwahl verändert: „Er weiß, was passiert ist. Ich weiß, was passiert ist. Nur einer von uns beiden erzählt die Wahrheit, und das bin ich.“  

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