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Vergewaltigungsprozess : Fünf Jahre unschuldig hinter Gittern

  • -Aktualisiert am

Strafgesetzbuch und Strafprozessordnung im Kasseler Landgericht Bild: dpa

Ein Lehrer wurde wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Nun wurde der Prozess neu aufgerollt - und der Verurteilte, der seine Haft längst verbüßt hat, ist freigesprochen worden.

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          Der Sport- und Biologielehrer Horst Arnold, der am 28. August 2001 seine Kollegin Heidi K. an einer Gesamtschule im Odenwald vergewaltigt haben soll, ist in einem Wiederaufnahmeverfahren vom Landgericht Kassel freigesprochen worden. Der Staatsanwalt und der Anwalt des angeblichen Täters hatten auf Freispruch plädiert, die Anwältin der Nebenklage forderte den Bestand des Urteils. Die Revision ist zugelassen.

          Der Prozess war neu aufgerollt worden, weil es Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussage des vermeintlichen Opfers gab. Nach Auffassung der Kasseler Richter hatte die Darmstädter Spruchkammer damals elementare Grundregeln der Wahrheitsfindung verletzt. Die Biologie- und Deutschlehrerin K. habe Arnold mit ihrer Anschuldigung schwer belastet, weil sie offenbar eine Stelle in der Sekundarstufe II haben wollte, wie sie Arnold hatte. Arnolds Anwalt, Hartmut Lierow, sprach am Dienstag von einer „Ohrfeige“ für ein Gericht, wie es sie noch nie gegeben habe. Die Darmstädter Kammer hätte „die Blendung“ durch die einzige Hauptbelastungszeugin erkennen können.

          Der verurteilte Lehrer zeigte keine Reue für die Tat

          Arnold war am 24. Juni 2002 zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, die er ohne Strafverkürzung abgebüßt hat, weil er keine Reue für Tat zeigte. Aus diesem Grund wurde der Verurteilte nach eigenen Worten auch „zwangspsychiatrisiert“. In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter, das vermeintliche Opfer - damals 36 Jahre alt - habe ein „an sich kaum glaubhaftes Geschehen geschildert“. Es komme nicht darauf an, was ein Gericht glaube, eine Tat müsse nachgewiesen werden. Die Aussage eines einzigen Hauptbelastungszeugen sei in Zweifel zu ziehen, bis sie bewiesen sei. Doch auf die Hauptbelastungszeugin K. sei „beim bestem Willen kein Verlass“.

          In dem Wiederaufnahmeverfahren war deutlich geworden, wie sich K. seit Jahrzehnten systematisch durch erfundene Geschichten und Lügen zu Lasten anderer Ansehen und materielle Vorteile verschafft hatte. Die Tatsache, dass diese Zeugin der Darmstädter Kammer als glaubwürdig galt, könne die Kasseler Kammer nur zur Kenntnis nehmen, aber auf diesen früheren Eindruck komme es nicht an. Nach der angeblichen Vergewaltigung hatte die Frau trotz ihrer angeblichen schweren Schmerzen und einer Analfissur noch Tennis gespielt und unbeschwert an einem Frauenstammtisch teilgenommen. Einen persönlichen Eindruck von der Frau hatten sich die Richter in Kassel nicht machen können, weil die Zeugin die Aussage verweigerte, um sich nicht selbst zu belasten.

          „Die vergangenen zehn Jahre waren die Hölle“

          Die Richter zweifelten aber an der Glaubwürdigkeit der Zeugin, weil in ihren Aussagen vor zehn Jahren keine Konstanz war und diese sich sogar widersprachen. Als K. und deren Eltern am 3. Oktober 2001 Arnold auf dem Marktplatz in Michelstadt gesehen haben wollten und ihn abermals gegenüber der Polizei belasteten, weil er Frau K. von Neuem gedroht haben soll, habe Frau K. offenkundig gelogen. Sie habe Arnold mit dieser Aussage ins Gefängnis bringen wollen, damit seine Stelle frei werde. Sie habe aber offenbar nicht gewusst, dass er zu diesem Zeitpunkt schon in Haft war.

          Der heute 52 Jahre alte Lehrer kündigte nach dem Urteil an, auch „Fragen an das Land Hessen“ zu stellen. Dabei könnte es ihm um eine Entschädigung gehen. In seinem Schlusswort sagte er, dass die vergangenen zehn Jahre die Hölle gewesen seien, auch weil er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis weiterhin als Vergewaltiger gegolten habe.

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