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Vergewaltigung in der Schule : Es geschah in der großen Pause – oder nicht?

  • -Aktualisiert am

Sollte sie eine Falschaussage gemacht haben, drohen der Hauptbelastungszeugin bis zu zehn Jahre Haft. Bild: dpa

Am Kasseler Landgericht wird der Fall eines Lehrers neu verhandelt, der wegen Vergewaltigung fünf Jahre in Haft war. Es kann gut sein, dass die Hauptbelastungszeugin gelogen hat und der Mann unschuldig ist.

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          Es soll am 28. August 2001 geschehen sein, in der großen Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden. Da soll der Biologie- und Sportlehrer Horst A. seine Kollegin, die Biologie- und Deutschlehrerin Heidi K., vergewaltigt haben. Am Tag zuvor – Horst A. war krank – war sie zur Fachleiterin für Biologie gewählt worden. Bisher hatte er diese Position inne. Im Biologie-Vorbereitungsraum einer Schule im Raum Darmstadt soll es geschehen sein. Er soll sie festgehalten und verletzt haben, soll Analverkehr mit ihr gehabt haben, wird in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stehen. Die Erektion habe nicht lange angehalten.

          Es war ein schöner Sommertag. Die Fenster des Raumes standen offen, die Türen zum Vorbereitungsraum waren unverschlossen. Doch es gibt nur die eine Zeugin, das mutmaßliche Opfer. Sie, damals Mitte dreißig, ist die Hauptbelastungszeugin. Er, Anfang vierzig, bestreitet die Tat. Sie wird als hübsch geschildert, als eine Frau, die sympathisch wirke und die Menschen für sich einnehme. Er dagegen soll sich überschätzen – und trinken. Dann wird er nach eigenem Bekunden aggressiv und verletzt andere Menschen verbal. Er hat sogar einmal seine Frau und eine Geliebte geschlagen als Reaktion auf eine Kränkung. Auch Ende August 2001 war A. nach eigenen Worten in einer „Trinkphase“. Drei Flaschen Weißwein habe er am Vorabend des 28. August getrunken. Er gab aber ohne Einschränkungen Unterricht in Sport und Biologie. Aus Sicht des Darmstädter Landgerichts fügte sich alles. Horst A. wurde am 24. Juni 2002 wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung und Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Die Überzeugung der Kammer, dass der Angeklagte auch der Täter sei, basiert laut Urteilsbegründung in erster Linie auf den Aussagen der Zeugin.

          Die Frauenbeauftragte hatte Zweifel an der Tat

          Horst A. saß seit dem 2. Oktober 2001 in Untersuchungshaft. Er verbüßte die Strafe bis zum 1. Oktober 2006. Die Haftzeit wurde nicht auf zwei Drittel verkürzt, da der Verurteilte weiterhin seine Unschuld beteuerte, mithin keine Reue zeigte. Er sah sich zwangspsychiatrisiert, denn er wurde in einem Haus des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen behandelt. Nach der Entlassung fand er keine Arbeit, wurde depressiv und begab sich in Behandlung. Sein Alkoholleiden bekämpft er durch Abstinenz, denn ein kontrollierter Umgang mit Alkohol ist ihm nicht möglich. In diesem Jahr erlitt er eine Hirnblutung. Der Arzt rät ihm von Aufregung ab. Aber er verlässt die Rehabilitation.

          Am Mittwoch sitzt Horst A. in einem Saal des Landgerichts Kassel, wo sein Fall neu verhandelt wird. Manche seiner Kollegen, auch ein Polizeibeamter, hatten schon vor zehn Jahren Zweifel, ob sich die Tat so zugetragen haben konnte. Auch die Frauenbeauftragte des Schulkreises Odenwald begann zu zweifeln. Als ihr Gewissen keine Ruhe gab, offenbarte sie sich ihrem Bruder, einem Anwalt für Zivilrecht, im Herbst 2007. Auch er riet ihr zunächst, die Finger von einem abgeschlossenen Verfahren zu lassen. Doch dann begann er zu recherchieren und trug über Jahre Hinweise zusammen, die das Opfer als eine Person erscheinen lassen, die Geschichten erfindet, wenn nicht sogar lügt, um sich Geltung und Vorteile zu verschaffen.

          Die Verteidigung lässt das mutmaßliche Opfer in zweifelhaftem Licht erscheinen

          Der Anwalt, Hartmut Lierow, stellte den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Das Landgericht in Kassel, nach dem Geschäftsverteilungsplan zuständig, kam zu der Auffassung, Lierow habe so viele neue Aspekte angeführt, dass ein neues Verfahren für den Angeklagten günstiger oder sogar mit einem Freispruch enden könne. Am Mittwoch also, als das Strafverfahren gegen A. wieder aufgenommen wird, verliest der Staatsanwalt dieselben Vorwürfe gegen ihn, die schon vor zehn Jahren gegen ihn erhoben wurden. Doch dieses Mal hat A. einen Verteidiger, der schon zu Beginn des Prozesses ein Bild von dem Opfer zeichnet, das es in einem zweifelhaften Licht erscheinen lässt. Lierow nutzt Beweisanträge als Vehikel, um Zeugenaussagen aus dem Probationsverfahren vorzulesen. Die Zuhörer erfahren, dass die Lehrerin K. einmal eine Klassenfahrt absagte. Den Schülern teilte sie mit, der Grund sei ein Wasserschaden in der Jugendherberge. Der Jugendherberge teilte sie unter dem Briefkopf der Schule mit, zwei Schüler seien an Hirnhautentzündung erkrankt. Beides war offenkundig falsch.

          Einen ihrer früheren Ehemänner gewann sie trotz vorhergehender Trennung für eine Heirat, weil ihr Kind, mit dem sie schwanger sei, doch einen Vater brauche. Auch müsse das Kind finanziell abgesichert sein. Zuvor hatte sie dem Mann gesagt, sie leide an einer schweren Krankheit und habe nur noch wenig Zeit zu leben. Die Ehe wurde nach kurzer Zeit geschieden. Frau K. erstritt eine beachtliche Entschädigung.

          Als Meisterin in schwarzer Magie soll sich Frau K. ausgegeben haben

          Eine Kollegin des mutmaßlichen Opfers berichtet, bei einem Umzug hätten Frau K. zahlreiche Männer geholfen, die sie alle mit Umarmung und Kuss begrüßt habe. Sie sei körperbetont und leicht gekleidet gewesen und habe den Körperkontakt zu den Männern gesucht. Frau K. habe jedoch an Kopfweh gelitten und die Männer die Arbeit allein erledigen lassen. Frau K. berichtete der Kollegin von zahlreichen Männern in ihrem Leben, darunter auch zwei Polizisten, die jeweils durch einen Kopfschuss getötet worden seien. In der Wohnung unter Frau K. sei zudem ein Mann gestorben, berichtete die Kollegin, weil er nicht bereit gewesen sein soll, Frau K. „abzuhören“. Auch in der Heimat der Frau K., in Westfalen, sei jüngst ein junger Mann gestorben. Frau K. habe gesagt, wer ihr zu nahe komme, müsse sterben. Sie habe sich als Meisterin in schwarzer Magie ausgegeben.

          Lierow zitiert aus einer polizeilichen Vernehmung der Hauptbelastungszeugin. Am 3. Oktober 2001 will Frau K. Herrn A. auf dem Marktplatz in Michelstadt gesehen haben. Er habe mit den Lippen geschnalzt und mit der Zunge Bewegungen gemacht, wie er das ihr gegenüber häufiger getan habe. Sie sei weggelaufen, aber er sei ihr gefolgt. Ihr Vater habe wiederum den Mann verfolgt. Die Eltern identifizieren A. später als den Mann auf dem Marktplatz anhand von Polizeifotos. A. saß zu diesem Zeitpunkt allerdings schon in Untersuchungshaft.

          Verfahren gegen Frau K. wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung eröffnet

          Lierow zitiert einen Kriminaloberkommissar, der mit der Sache befasst war und Zweifel an den Aussagen der Zeugin K. hatte. Deren Angaben zur Tat, zum Tatort und den Tatumständen passten nicht zusammen. Zum Beispiel habe Frau K. angegeben, in ein Gebüsch geflohen zu sein, das aber nicht als Versteck geeignet gewesen sei. Lierow wird später in einer Sitzungspause auf dem Flur ergänzen, dass Frau K. nach der angeblichen Tat weiterhin Unterricht erteilt habe, als sei nichts geschehen.

          Die Anwältin der Frau K., die als Nebenklägerin auftritt, zeiht den Anwalt des vermeintlichen Täters der „sicherlich nicht unklugen Taktik“, mit dem Vehikel von Beweisanträgen die Aussagen von Zeugen einzuführen, „die Gründe haben, Frau K. schaden zu wollen“. Die Zeugin K. solle schlecht gemacht werden, bevor sie eine Chance habe, aussagen zu können. Dann führt die Anwältin ihre Mandantin in den Saal, die beklommen wirkt. Frau K. macht die Angaben zur Person. Dann macht sie von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Denn in Darmstadt hat die Staatsanwaltschaft unterdessen ein Verfahren gegen sie wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung eröffnet – sie könnte mit ihrer Aussage den Kollegen A. ungerechtfertigt in Haft gebracht haben, sollte sie die Unwahrheit gesagt haben. Der Vorsitzende Richter in Kassel hatte Frau K. zuvor belehrt, dass eine Falschaussage mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann.

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