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Rechtsprechung : Ein ordnungsgemäßes Leben

Ein Tatort: der Siebenendenweg in Berlin-Zehlendorf. Im Sommer 1995 hat Erik H. hier eine junge Joggerin vergewaltigt Bild: Matthias Lüdecke

Fünf Frauen hat er vergewaltigt. Für eine Tat vor fast zwanzig Jahren stand er nun vor Gericht. Er hat es als freier Mann verlassen. Ist das gerecht?

          7 Min.

          „Was ist gerecht?“, wird die Vorsitzende Richterin am Berliner Landgericht am Schluss der Verhandlung in Saal 817 fragen, und es passt zu diesem verstörenden, geradezu schicksalshaften Fall, dass am Ende weniger ein Urteil steht als moralische Grundsatzfragen, über die man lange philosophieren könnte: Kann es gerecht sein, wenn ein Serienvergewaltiger als freier Mann das Gericht verlässt?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wäre es gerechter, wenn er lange für seine Taten gebüßt hat, darüber hoffentlich ein anderer, besserer Mensch geworden ist und längst ein rechtschaffenes Leben führt, ihn neu aus der Bahn zu werfen wegen alter Schuld? Stimmt es, dass die Vergangenheit einen immer einholt? Und ist das zwangsläufig gerecht? Für wen?

          Sommer 1995: Eine junge Berlinerin joggt durch Zehlendorf in Richtung Wald, der Siebenendenweg ist ein Fuß- und Radweg, von Bäumen flankiert. Es ist Samstag, der 26. August, mittags gegen Viertel nach zwölf. Erik H. ist auf dem Weg nach Hause. Er hat die Nacht durchgefeiert in Clubs, die „Tresor“, „E-Werk“ und „Linientreu“ heißen, und, wie es damals seine Gewohnheit war, einen Mix aus Drogen genommen, an den er sich heute nicht mehr erinnern kann: Alkohol, vermutlich Cannabis. Vielleicht auch Härteres, Ecstasy, Kokain.

          „Er war enthemmt durch den Konsum von Alkohol und Drogen, aber Herr seiner Sinne“, sagt H.s Verteidiger, der Frankfurter Anwalt Thorsten Tuma: „Er hat die Frau laufen sehen. Er hat die Gelegenheit genutzt. Dann ist das eben so passiert.“

          Vor Gericht: 19 Jahre danach

          Erik H. ergreift die Joggerin von hinten, legt ihr die Hand über den Mund, um sie am Schreien zu hindern, und zieht sie in ein Gebüsch. Er zwingt sie, sich auszuziehen. Wie die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklage sagt, fürchtet die Joggerin um ihr Leben und bittet weinend, er möge von ihr ablassen. Erik H. vergewaltigt die junge Frau.

          Anwalt Tuma sagt: „Dann hat er sich angezogen und ist nach Hause gegangen.“

          Vergangenen Dienstag, mehr als 19 Jahre nach der Tat und damit nur knapp vor dem Zeitpunkt, zu dem das Verbrechen nach zwanzig Jahren verjährt wäre, musste Erik H. sich vor dem Landgericht Berlin verantworten. Der gelernte Autolackierer, südwestlich von Berlin in der damaligen DDR geboren und aufgewachsen, ist inzwischen 39 Jahre alt: ein kompakter Mann in einem grauen Wollpulli mit Reißverschlusskragen und Ärmeln in Anthrazit.

          Bürstenschnitt zu Stoppelbart, weite Jeans, billige, alte Turnschuhe. H. ist nicht gut mit Worten; im Zweifelsfall lässt er seinen Anwalt reden. Die meiste Zeit hält er die Arme vor sich auf dem Tisch verschränkt und den Blick gesenkt. Man möge doch, sagt der Anwalt, aus der Körperhaltung bitte nicht schließen, dass sein Mandant unbeteiligt wäre. Schließlich redet der Angeklagte selbst: „Ich bin recht nervös und schäme mich“, sagt H. Seine Stimme ist tief.

          Gutachter halten ihn nicht mehr für gefährlich

          Anders als Frauen gemeinhin fürchten, sind die meisten Sexualdelikte Beziehungstaten. Über Erik H. sagt Richterin Iris Berger: „Das hier ist dieser klassische Fall, den man eigentlich aus dem Fernsehen kennt.“ Unbekannter Täter trifft unbekanntes Opfer. Schlimmer noch: Erik H. ist Wiederholungstäter. Der Überfall vom 26. August 1995 war der zweite in einer Serie von fünf Taten, die er von 1995 bis 1999 verübt hat. Direkt nach dem letzten Übergriff wurde er erwischt und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die Vergewaltigungen vorher kamen erst nach und nach ans Licht.

          Erik H. hat nicht nur eine Joggerin angegriffen. Eine Frau hat er in der Dunkelheit vom Fahrrad gezerrt, eine auf dem nächtlichen Heimweg durch eine triste Gegend überfallen. Damit hat der Serienvergewaltiger genau jene Sorte vergleichsweise seltener Taten begangen, vor denen Frauen typischerweise Angst haben.

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