https://www.faz.net/-gum-tnh6

Vergangenheitsbewältigung : „Den Toten ein Gesicht geben“

  • -Aktualisiert am

Friedhof Menden: 200 namenlose Opfer Bild: AP

In einem kleinen Dorf im Sauerland kommt nach mehr als sechzig Jahren die Vergangenheit ans Licht. Vermutlich wurden rund 200 Menschen im örtlichen Krankenhaus während des Zweiten Weltkriegs umgebracht.

          Barge ist ein stiller Ort. Kaum 200 Menschen wohnen in dem kleinsten Teil der Großgemeinde Menden, 30 Kilometer östlich von Dortmund. Barge ist ein gottesfürchtiger Ort. Die Kirche steht etwas abseits der Häuser, auf einem grünen Hügel, umgeben von Feldern und Wald. Der Friedhof liegt gleich daneben, im Hintergrund kauen Kühe gemächlich das saftige Gras. Aber die Toten ruhen hier nicht in Frieden. Vor zwei Wochen rückten die ersten Bagger an. Seitdem auf dem Friedhof gegraben wird, ist auch das halbe Dorf aufgewühlt.

          Auf dem Friedhof in Barge liegen in einem Massengrab aus dem Zweiten Weltkrieg die Leichname von vermutlich etwa 200 Männern, Frauen und Kindern. Bislang hat man 74 Skelette geborgen, unter ihnen auch die von 25 Kindern. Am Donnerstag wurden die Grabungen vorläufig eingestellt. Die meisten Gebeine stammen wahrscheinlich aus einer an das Massengrab angrenzenden Kriegsgräberstätte.

          Doch bei 29 Skeletten, die offensichtlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gegen Ende des Krieges in Barge verscharrt wurden, handelt es sich allem Anschein nach um Tote aus dem nahe gelegenen Krankenhaus in Wickede-Wimbern. Da einige der Kinder-Skelette Mißbildungen aufweisen, besteht der begründete Verdacht, daß es sich bei den Toten in Barge um Opfer des euphemistisch als „Euthanasie“ bezeichneten Mordprogramms nationalsozialistischer Ärzte handelt.

          Selbst erfahrene Berger sind erschüttert

          Begonnen hat alles vor sieben Jahren

          Dafür spricht auch, daß das Krankenhaus in Wimbern 1943 als „Ausweichkrankenhaus“ für die von Luftangriffen bedrohte Stadt Dortmund gebaut worden war. Verantwortlich für Bau und Verwaltung dieser Ausweichkrankenhäuser, die es in ganz Deutschland gab, war Karl Brandt, der Leibarzt Adolf Hitlers. Brandt hatte auch die berüchtigte „Aktion T 4“ mitzuverantworten.

          Der Chefarzt des Krankenhauses in Wimbern war von Brandt selbst eingesetzt worden, die meisten der dort tätigen Schwestern gehörten zur NS-Schwesternschaft. „Es gab in Wimbern eine eindeutige nationalsozialistische Prägung des Personals. Und auch wenn noch nichts bewiesen ist: Die Wahrscheinlichkeit, daß in Wimbern sogenannte Euthanasie betrieben wurde, ist sehr hoch“, sagt der Historiker Bernd Walter vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der sich mit der Geschichte der Ausweichkrankenhäuser beschäftigt hat.

          Gegraben wird in Barge seit 14 Tagen, aber begonnen hatte alles vor sieben Jahren. Im Herbst 1999 besuchte Rainer Mertes vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) zum ersten Mal den Friedhof, weil dort zwei Gedenktafeln für die Opfer der beiden Weltkriege angebracht werden sollten. Schon länger gab es auf dem Friedhof eine Kriegsgräberstätte für 59 Tote aus dem Zweiten Weltkrieg, unter ihnen viele Zwangsarbeiter aus Rußland.

          Unterlagen gab es nicht

          Nun wurde Mertes gefragt, ob man nicht auch für die freie Fläche neben dem Kriegsgrab „etwas tun“ könne. Dort seien nämlich etwa 200 verstorbene Patienten aus dem Krankenhaus in Wimbern begraben. Doch Mertes konnte zunächst nichts tun. Denn laut VDK gelten nur Menschen, die unmittelbar an den Folgen des Krieges sterben, als Kriegstote und haben Anspruch auf ein Grab, das dauerhaft besteht und für dessen Pflege der Staat aufkommt. Tote aus einem Krankenhaus haben diesen Anspruch nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Michel Platini telefoniert in Nanterre nach seiner Entlassung aus dem Gewahrsam der Polizei.

          Ehemaliger Uefa-Präsident : Polizei entlässt Platini aus Gewahrsam

          Als Spielmacher fand Michel Platini auf dem Fußballfeld fast immer freie Räume. Nun sieht sich der frühere Uefa-Präsident von Anti-Korruptions-Ermittlern in die Enge getrieben. Und die haben nicht nur ihn im Visier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.