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Vergangenheitsbewältigung : „Den Toten ein Gesicht geben“

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„Zum einen haben wir eine alte Dame vernommen, die dort als 14 Jahre altes Mädchen beschäftigt war. Auch ein Verwaltungsangestellter und ein Arzt werden von uns vernommen“, sagt Maaß. Ob den beiden alten Männern allerdings eine Beteiligung an den mutmaßlichen Morden nachgewiesen werden könne, sei nicht klar: „Bisher wissen wir nicht einmal, ob der Arzt überhaupt mit den Kindern zu tun hatte.“

Parallel zu den Zeugenbefragungen laufen die rechtsmedizinischen Untersuchungen der Toten. Die Skelette wurden beschlagnahmt und in das Institut für Rechtsmedizin an der Universitätsklinik Düsseldorf geschickt. Da die Knochen etwa 60 Jahre in der Erde lagen, rechnen die Mediziner mit langwierigen und aufwendigen Untersuchungen. Nicht nur Alter und Geschlecht der Toten gilt es zu bestimmen. Man erhofft sich auch Aufschlüsse über etwaige Krankheiten und Behinderungen.

„Krankenhaus Sonderanlage“

Ob in allen Fällen die genaue Todesursache ermittelt werden kann, ist laut Maaß zweifelhaft. „Wenn die Kinder mit Gift getötet wurden, dürfte das sehr schwierig werden.“ Auch sei bekannt, daß viele Menschen in den „Euthanasie“-Anstalten schlicht verhungert oder erfroren seien. „Hier kann man den Schuldigen natürlich nichts mehr nachweisen.“

Bei der Identifizierung der Toten wie bei der Ermittlung von Angehörigen könnten Unterlagen helfen, die Ermittler im Standesamt der Stadt Menden entdeckt haben. In zwei Aktenordnern wurden etwa 300 Todesanzeigen gefunden. „Daraus geht hervor, daß es sich bei den Toten größtenteils um Menschen aus dem Ruhrgebiet handelt, aus Dortmund, Unna und Castrop-Rauxel. Es sind aber auch Personen aus Belgien und den Niederlanden darunter“, sagt Besa-von Werden.

„Wir prüfen jetzt jede einzelne Todesfallbescheinigung und gleichen sie mit den Unterlagen in den Heimatstandesämtern der Verstorbenen ab, um festzustellen, ob die Leichen dort beerdigt wurden. Das wäre die normale Vorgehensweise gewesen.“ Es wurden auch etwa 100 Todesanzeigen von Kindern gefunden, abgestempelt im Krankenhaus Wimbern. Ein Teil der Dokumente trägt den aufschlußreichen Vermerk: „Krankenhaus Sonderanlage. Aktion Brandt“.

Die Zeit war reif

Das LKA wertet zur Zeit Luftaufnahmen des Friedhofsgeländes in Barge aus den letzten Kriegsmonaten aus. Man erhofft sich Hinweise auf mögliche weitere Gräber. Auch immer mehr Zeitzeugen melden sich bei der Polizei. Pastor Johannes Hammer, seit sechs Jahren als Seelsorger in Barge tätig, findet es schade, daß manche erst jetzt ihr Schweigen brechen. Er erklärt sich das lange Stillhalten mit der Angst, in der Vergangenheit zu graben, und mit dem Wunsch nach Verdrängung. „Dagegen ist niemand gefeit.“

Besa-von Werden meint: „Die Zeit war jetzt einfach reif. Die Leute wollten endlich reden. Vor 20 Jahren wäre das wahrscheinlich noch anders gewesen. Vielleicht wären sogar Beweise und Spuren vernichtet worden, um die Ermittlungen zu behindern.“ Auch jetzt habe er mit so etwas gerechnet, sagt er. „Eine Akte verschwindet schon mal.“ Daß die Ermittlungen zügig voranschreiten, erfüllt ihn mit Zuversicht. Es gehe darum, den Toten einen Namen und ein christliches Begräbnis zu geben. „Ganz gleich, wie lange es her ist: Man muß den Toten ein Gesicht geben.“

Euthanasie im Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten bereiteten die Tötung von Geisteskranken und anderen „unerwünschten Elementen“ ebenso systematisch vor wie den millionenfachen Mord an den Juden. Schon 1935 hatte Hitler angedeutet, er wolle die „unheilbar Geisteskranken beseitigen“. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges lieferte dann den Vorwand, um unter dem Deckmantel der sogenannten Euthanasie mehr als 70.000 behinderte, unheilbar körperlich oder geistig kranke Menschen zu ermorden, unter ihnen auch Kinder, Arbeitsunfähige, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und wehruntaugliche Soldaten.

Etwa 400.000 als „erblich minderwertig“ klassifizierte Menschen wurden zudem zwangssterilisiert. Die gezielte Vernichtung „unwerten“ Lebens erhielt nach dem Krieg die Bezeichnung „Aktion T 4“, nach dem Sitz der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4. Nach Protesten der Kirchen wurde die „Aktion T 4“ im Sommer 1941 offiziell eingestellt.

Das Töten ging danach jedoch weiter. Getötet wurde nun nicht mehr in den Gaskammern der „offiziellen“ Tötungsanstalten wie Bernburg, Hadamar, Hartheim und Sonnenstein, sondern in den Heil- und Pflegeanstalten und offenkundig auch in den „Ausweichkrankenhäusern“ wie Wimbern. Dieser „wilden Euthanasie“ mittels überdosierter Medikamente oder Unterernährung fielen noch einmal etwa 50.000 Menschen zum Opfer.

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