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Vergangenheitsbewältigung : „Den Toten ein Gesicht geben“

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Einige Monate später kam Mertes wieder nach Barge, um zur Enthüllung der mittlerweile fertiggestellten Gedenktafeln eine Ansprache zu halten. Beiläufig erwähnte er auch die Toten aus dem Krankenhaus und bedauerte, daß man beim VDK nichts für sie tun könne, da sie keine Kriegstoten seien. Da rief eine ältere Dame: „Das stimmt nicht, das sind auch Kriegstote!“ Später, beim Kaffee, erzählte sie ihm, daß sie als junges Mädchen in dem Krankenhaus in Wimbern gearbeitet und gesehen habe, wie ein Arzt mit Spritzen herumgelaufen sei und man später Tote auf einen Wagen geladen habe.

Mertes versuchte, mehr über den seltsamen Fall herauszufinden. Doch weder in dem Krankenhaus in Wimbern noch bei der Friedhofsverwaltung in Barge gab es Unterlagen, die Aufschluß über die damaligen Geschehnisse hätten geben können. Mertes fand das alles seltsam, konnte aber vorerst nichts weiter unternehmen. Die Stadt Menden begann unterdessen damit, die geheimnisvolle „Sondergrabfläche“ zu pflegen. Es wurde sogar eine aus Spenden finanzierte Gedenktafel für die unbekannten Toten aus dem Krankenhaus aufgestellt.

Mauer des Schweigens

Drei Jahre später fuhr Mertes aus dienstlichen Gründen abermals nach Barge und traf dort Hans-Bernd Besa-von Werden. Der Jurist ist Dezernent bei der Bezirksregierung Arnsberg und dort auch zuständig für die Kriegsgräberfürsorge. Ihm berichtete Mertes, was er bis dahin zusammengetragen hatte. Besa-von Werden versprach, sich der Sache anzunehmen. Auch er befragte die alte Frau, die Mertes damals auf dem Friedhof angesprochen hatte. Doch als Besa-von Werden ihre Aussagen später offiziell zu Protokoll nehmen wollte, konnte sie sich plötzlich an nichts mehr erinnern.

„Da wurde mir klar, daß wir sehr dezent vorgehen müssen, um nicht von vornherein auf eine Mauer des Schweigens zu stoßen.“ Es erwies sich jedoch als unmöglich, andere verläßliche Zeugen aufzutreiben. Als er nach zwei Jahren Recherche noch immer nicht zu einem Ergebnis gekommen war, traf Besa-von Werden schließlich die Entscheidung, das Grab öffnen zu lassen. „Mich interessieren Fakten - und keine Gerüchte. Deshalb mußten wir graben.“

In der letzten Septemberwoche ist es soweit. Kurz nachdem die Bagger angefangen haben zu graben, werden die ersten Skelette geborgen. Schnell ist klar, daß man es tatsächlich nicht mit „normalen“ Toten aus einem Krankenhaus zu tun hat. Die Gebeine in dem Grab liegen ungeordnet übereinander und wurden offensichtlich in großer Eile ohne Särge einfach in die Grube geworfen. Einige der Kinder-Skelette weisen unübersehbare Anzeichen für eine geistige oder körperliche Behinderung auf. „Zwei Kinder hatten wohl das Down-Syndrom, ein anderes einen Wasserkopf“, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß von der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Dortmund.

Langwierige Untersuchungen

„Für uns besteht ein begründeter Verdacht auf die Beseitigung von ,unwertem' Leben.“ Eine mögliche Anklage würde auf Mord oder Beihilfe zum Mord lauten. Zur Zeit ermittelt Maaß gegen Unbekannt. „In dem Krankenhaus sollen 180 Ärzte, Schwestern und Pfleger eingesetzt gewesen sein. Wir sind zuversichtlich, daß wir sie alle finden werden. Unsere Aufklärungsquote liegt bei 95 Prozent.“ Beamte des Landeskriminalamts (LKA) befragen mehrere Zeitzeugen.

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