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Verfahren gegen Marco W. : Vom Oster-Urlaub in die Weihnachts-Haft?

Seit sieben Monaten in Untersuchungshaft: Marco W. Bild: ddp

An diesem Freitag wird abermals der Fall Marco W. verhandelt. Inzwischen liegt Charlottes Zeugenaussage in türkischer Übersetzung vor. Das könnte zwar Bewegung ins Verfahren bringen, wird vermutlich aber nicht zu einem Urteil führen.

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          „Marco W. ist frei.“ Auf diesen Satz warten viele Menschen in Deutschland seit sieben Monaten - und insbesondere Marco W. selbst. Und sie müssen vermutlich weiter auf ihn warten. Ob der 17 Jahre alte Schüler Weihnachten zu Hause im Kreise seiner Familie verbringt, ist ungewiss. Wenn sich die türkischen Richter an diesem Freitag abermals dazu entscheiden sollten, den Prozess zu vertagen, wird Marco Heiligabend mit anderen Gefangenen in seiner Großraumzelle sitzen.

          An diesem Verhandlungstag wird nun endlich die Zeugenaussage des angeblichen Opfers in türkischer Übersetzung vorliegen. Der Vorwurf gegen Marco W., er hätte die 13 Jahre alte Charlotte sexuell missbraucht, wird darin wiederholt. Laut Ömer Aycan, dem Anwalt des britischen Mädchens, hat Charlotte sogar ausgesagt, dass Marco versucht hätte, sie zu vergewaltigen. Aycan rechnet mit einer Entscheidung des Gerichts. „Ich dränge auf ein Urteil am Freitag, werde in der Verhandlung einen entsprechenden Antrag stellen“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Er gehe davon aus, dass Marco eine Gefängnisstrafe zwischen acht und fünfzehn Jahren bekommt. Neben der schriftliche Aussage Charlottes legt er vermutlich auch ein Gutachten über die psychische Verfassung des Mädchens vor.

          Marcos Anwalt Matthias Waldraff hofft zwar, dass sein Mandant Weihnachten zu Hause feiert, allerdings ist dies wohl mehr Wunsch als Vermutung. Eine Prognose will Waldraff vor der Verhandlung „wegen der Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate“ nicht wagen. Michael Nagel, Marcos zweiter Anwalt, geht davon aus, dass Marco auf keinen Fall frei kommt. „Das halte ich für ausgeschlossen“, sagte er gegenüber FAZ.NET auf dem Weg nach Antalya, „auch wenn es eine theoretische Chance gibt“. Charlottes Aussage sei aufgrund einer polizeilichen Vernehmung entstanden, sie könne somit nicht Gegenstand des Urteils sein. Nach türkischem Recht ist sie nicht verwertbar. Nagel kündigte an, die Verteidigung werde verlangen, dass Charlotte vor Gericht erscheinen soll, „um sie vor Gericht befragen zu können“.

          Kein Ende für die Mahnwachen für Marco W.
          Kein Ende für die Mahnwachen für Marco W. : Bild: ddp

          Ist die türkische Justiz sauer?

          Nach wie vor stellt sich eine entscheidende Frage: Warum muss Marco W. seit nunmehr sieben Monaten in Untersuchungshaft sitzen? Deutsche Politiker haben von Anfang an die türkische Justiz kritisiert, auch die deutsche Öffentlichkeit hat wenig Verständnis für die Inhaftierung des Jungen. Mehrere Politiker forderten die Türkei auf, den Jungen auf der Stelle freizulassen. Sogar Bundeskanzlerin Merkel schaltete sich in den Fall ein. Unionsfraktionschef Kauder warnte: „Wenn ihr den jungen Mann nicht freilasst, dann ist der Weg der Türkei nach Europa noch meilenweit.“

          Dass Marco W. wegen solcher Verbalangriffe vermutlich noch kilometerweit von einem Urteil entfernt ist, weil sich die türkische Justiz in ihrer Autonomie angegriffen sieht, zeigt die gewandelte Haltung deutscher Politiker. Der bayerische Ministerpräsident Beckstein warnte jüngst vor einer Einmischung. „Eine in Deutschland geführte politische Debatte wird dem Jungen sicherlich nicht helfen, sondern eher noch die Abwehrhaltung der türkischen Justiz verstärken.“ Auch Unionsfraktionsvize Bosbach mahnte nach dem letzten Verhandlungstag zur Vorsicht. Zu massiver öffentlicher Druck sei möglicherweise kontraproduktiv: In der Türkei könne der Eindruck entstehen, auf ihre unabhängige Justiz werde von außen Druck ausgeübt. Auch hat er starke Zweifel daran, dass ein Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) etwas nütze.

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