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Verbrecherjagd dank DNA : Ein Skelett mit blauen Augen

Die DNA eines Menschen verrät mit einer Genauigkeit von 90 Prozent seine Augenfarbe. Bild: Institut für Forensische Molekularbiologie Erasmus Universität Rotterdam

Neue Methoden in der forensischen Genetik ermöglichen es, sich anhand von DNA-Spuren an das Aussehen von Tätern heranzutasten. Der Weg in die Polizeiarbeit wird allerdings noch dauern.

          8 Min.

          Im Jahr 1977 wurden in einer deutschen Großstadt Kabel verlegt. Das ist nichts Ungewöhnliches, allerdings wurden die Kabel 34 Jahre später, 2011, relevant, als bei Erdarbeiten ein Skelett gefunden wurde. Denn über einem der Kabel hatte man das Skelett gefunden. Viel mehr fand man nicht. Daher war die Erkenntnis, dass es nicht vor 1977 dort abgelegt worden sein konnte, eine wichtige, weil fast die einzige Information. Mord, Suizid, Unfall? Nichts weiß man, es sind bislang nur knöcherne Überreste eines Menschen ohne Geschichte, dem nur die Jahreszahl 1977 plus anhaftet.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die forensische Genetik hat sich mit dürftiger Spurenlage noch nie abgefunden. Jede noch so kleine DNA-Spur (und Knochen haben eine Menge davon) können das Leben vor dem Tod, den Menschen, sichtbar machen. So fand das Skelett im vergangenen Jahr den Weg in das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Man erstellte ein vollständiges DNA-Muster und ermittelte, dass es sich um das Skelett einer unbekannten Frau handelt. Der Polizei, die also weiter kaum Anknüpfungspunkte hat, kommt nun der Fortschritt in der forensischen Genetik zugute.

          Eine forensische Schatzkiste

          Im Fall des Skeletts hat dieser Fortschritt blaue Augen. Josephine Purps, eine Doktorandin im Team um Lutz Roewer, dem Leiter des Lehrstuhls für Forensische Genetik an der Charité, hat in der DNA der Knochenzellen genetische Marker analysiert. Sie können die Augenfarbe bestimmen. Die Frau, deren Skelett gefunden wurde, hatte mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent blaue Augen. Diese Erkenntnis ist in erster Linie „Iris Plex“ zu verdanken. Das Testverfahren, das auch in Berlin zur Anwendung kam, hat der deutsche Genetiker Manfred Kayser entwickelt.

          Für den Forscher, der am Medizinischen Zentrum der Erasmus-Universität Rotterdam das Institut für Forensische Molekularbiologie leitet, ist die Desoxyribonucleinsäure (DNA) eine forensische Schatzkiste, deren Kostbarkeiten es zu heben gilt. Er forscht mit seinem Team nach Genen auf dem Strang der DNA, die für das Aussehen, den Phänotyp eines Menschen, verantwortlich sind, um daraus Verfahren für die forensische Praxis zu entwickeln. Das „Forensic DNA Phenotyping“ ist somit die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte der forensischen DNA-Analyse, die vor 20 Jahren die Polizeiarbeit revolutioniert hat.

          „Das Aussehen ist keine Privatsache“

          Seit dem 1. April wird in den Niederlanden die DNA-basierte Augenfarbenbestimmung, die auf „Iris Plex“ beruht, in der forensischen Fallarbeit eingesetzt - wenn alle anderen Ansätze erschöpft sind. Seit rund zehn Jahren schon erlauben die Niederlande per Gesetz als einziger Staat auf der ganzen Welt, DNA-Spuren nicht nur zur Identifizierung zu nutzen, sondern in ihnen auch danach zu suchen, aus welcher Weltregion die Vorfahren unbekannter Spurenverursacher stammen (Asien, Europa, Afrika, Amerika, Ozeanien) oder welche äußerlich sichtbaren Körpermerkmale sie besitzen. In manchen amerikanischen Bundesstaaten und in Großbritannien wird das zum Teil auch praktiziert; es ist nicht gesetzlich geregelt, aber auch nicht explizit verboten.

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