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Verbrechen : Der Respekt vor dem Bösen

„Deutschland hat so schöne Ecken”: Josef Wilfling im Park vor seiner Wohnung in München Bild: Jan Roeder

Vor dem Landgericht München hat heute der Prozess im Mordfall Dominik Brunner begonnen. Angeklagt sind zwei Jugendliche. Josef Wilfling, ehemaliger Leiter der Mordkommission München, hat jahrzehntelang in die menschlichen Abgründe geblickt, die zu solchen Taten führen.

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          Die erste Leiche vergisst ein Kriminalkommissar nie. Ebenso wenig wie die erste Obduktion. Josef Wilfling ging es ähnlich. Hunderten Obduktionen hat er selbst beigewohnt, das erste Mal 1977. Der Leichnam lag mit geöffnetem Brustkorb vor ihm, und sein erster Gedanke war: „Wo ist der Mensch jetzt?“ Das, was ihn ausmacht? - Eine Antwort auf diese Frage zu finden war nie sein Job. Vielmehr suchte Wilfling zu ergründen, warum der Leichnam nun da lag, wo er lag. Dass es da viele Möglichkeiten gibt, zeigte sich allein bei seinem Abschied im Januar 2009 als Leiter der Mordkommission München: Als er mit Ehefrau im Polizei-Mini vor das Präsidium gefahren wurde, standen alle seine 40 Mitarbeiter Spalier - und jeder hatte ein anderes Mordwerkzeug in der Hand: Seile, Halstücher, Pistolen, Messer, Äxte, Gift, Gewehre, Schwerter, Kissen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Instrumentarium des Bösen, wie Wilfling sagt. Er spricht wie selbstverständlich vom Bösen im Menschen und meint es weder theologisch noch kindlich, sondern einfach als das, was es ist, wenn ein Jugendlicher mit 18 aus reiner Mordlust einen ihm völlig unbekannten Vater dreier Kinder mit einem Butterflymesser abschlachtet. Oder ein gerade aus der Haft entlassener Kindermörder sich gezielt einen achtjährigen Jungen sucht, ihn ermordet und sich dann noch an der Suche nach dem vermissten Kind beteiligt. Oder wenn eine Frau ihrem viele Jahre älteren Ex-Geliebten, der erschlagen am Boden liegt, noch einen Besenstiel in den Hals rammt. Da kann man viel von „Reifeverzögerung“ und „dissoziativen Persönlichkeiten“ theoretisieren, und Wilfling würde nie der forensischen Psychiatrie ihre Daseinsberechtigung absprechen, aber für ihn ist und bleibt es einfach nur: böse.

          Und das Böse gehört hinter Schloss und Riegel. Dazu beizutragen, entschloss sich Wilfling am 13. Februar 1970. Da war er 33 Jahre alt, verrichtete Dienst als Schutzpolizist und wurde zu dem Großbrand des jüdischen Altenheims in der Münchner Reichenbachstraße gerufen. Sieben Menschen verbrannten, allesamt Überlebende des Holocaust. Der Brandstifter wurde bis heute nicht gefasst. Wilfling musste damals einen Rabbiner in die Brandruine zu den verkohlten Leichen führen. „Das waren meine ersten Leichen, und die Bilder werde ich, solange ich lebe, nie vergessen.“ Da hat er sich entschlossen, zur Mordkommission zu gehen.

          Eine Nacht hat er selbst hinter Gittern verbracht

          Dass er überhaupt bei der Polizei gelandet ist, hat er nur seiner Mutter zu verdanken. Sommer 1963: Als Sechzehnjähriger, katholisch, Mitglied der Kolpingfamilie, zeltete er mit Freunden an einem kleinen See im heimatlichen Münchberg bei Hof. Doch die Kolping-Jungs waren nicht so gerne gesehen im protestantisch geprägten Oberfranken, schon gar nicht, wenn es um Mädchen ging. Es gab „a bisserl Stress“, eine wilde Rauferei. Die Gerichtsverhandlung folgte (anders als heute) auf dem Fuße. 50 Mark Strafe oder ein Wochenende einrücken. Wilfling war für die 50 Mark, seine Mutter fürs Einsperren. Also verbrachte er einen Tag und eine Nacht in der JVA Hof, hinter Gittern und wirklich nur bei Wasser und Brot.

          „Wie ich da so zwischen den Gitterstäben rausschaute, da habe ich mir geschworen: Nie mehr mache ich etwas, was mich da wieder reinbringt.“ Und als er kurz darauf die Realschule beendete und überlegte, ob er Missionar oder Enthüllungsjournalist werden wollte, sagt seine Mutter: „Nix da, du gehst zur Polizei. „ Seine Mutter, liebevoll und zupackend, sah es pragmatisch: „Beamter zu sein, das ist was Sicheres.“ Polizei, das ist auch Abenteuer, dachte sich Wilfling. 1966 fing er bei der Bereitschaftspolizei in Würzburg an.

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