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Verbrechen : Cruising

Bild: Mart Klein und Miriam Migliazzi

Auf einem Parkplatz, auf dem Männer Sex haben, wird eine Leiche gefunden. Schnell verhaftet die Polizei einen Verdächtigen, eine Zeitung druckt Fotos. Die Geschichte eines Irrtums.

          8 Min.

          Auf dem Waldparkplatz an der Landstraße stand ein kleiner Peugeot in der Dunkelheit. Die Fahrertür war offen. Im Wageninneren saß ein junger Mann, Hose hinuntergezogen. In seiner Schläfe war ein Loch. Neben dem Sterbenden lag ein Blumenstrauß.

          Philip Eppelsheim
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Zwei Monate waren seitdem vergangen. Detlef Saemann und Karl-Heinz Pape wollten zeitig los - ein Freitag im Juli, Sommerferien. Sie verstauten Reisetasche und Rucksack im Kofferraum des silbergrauen Mercedes. Der Himmel war blau, keine Wolke, kein Schleier, die Sonne brannte. Saemann trug ein schwarzes T-Shirt mit bunten Neuseeland-Emblemen, dazu rotgemusterte Bermudashorts, Pape ein rotkariertes Hemd und goldgelbe Bermudas. Der eine war 48, der andere 65 Jahre alt, beide waren leicht untersetzt, beide hatten gepflegte Schnauzer in ihren sanften Gesichtern, beide trugen einen goldenen Ring am Finger.

          Die Ringe waren verschieden. Saemanns Ring war schlicht, Papes Ring war eckig, ein grüner und ein weißer Diamant, in Gold gefasst. Die Ringe erinnerten Saemann und Pape an jeweils einen Mann, der ihnen viel bedeutet hatte. Saemann hatte seinen Ring in den achtziger Jahren von seinem damaligen Freund bekommen, bevor der nach Portugal auswanderte. Pape hatte seinen Ring von dem Sohn seines langjährigen, dann verstorbenen Lebensgefährten schmieden lassen. Gegenseitig hatten sich Pape und Saemann zwei Plüschhunde geschenkt. Apollo und Hyazinth. Apollo, Gott des Lichts, des Frühlings, der Reinheit, verwandelt den toten Hyazinth in ein Blumenmeer.

          Pape, ein pensionierter Bankberater, lenkte den Mercedes auf die Autobahn. Er fuhr 100 bis 120. Das sollte reichen - auch wenn sie spät dran waren und Pape unruhig wurde. Trotz der Hitze ließen sie die Klimaanlage ausgeschaltet. Sie hatten die Fenster einen Spalt heruntergekurbelt. Das Navigationsgerät blieb aus. Sie kannten den Weg.

          Pape hatte dem Mercedes einen Namen gegeben. Parsifal. Nach Wagners Bühnenweihfestspiel.

          Ritter Titurel hütet den Heiligen Gral - den Kelch des letzten Abendmahls - und den Speer, den Longinus Jesus Christus in die Seite stieß. Um die Heiligtümer zu schützen, schart Titurel die Ritter des Grals um sich. Sie sollen keusch sein und gegen das Unrecht der Welt kämpfen. Klingsor begehrt, Ritter zu sein. Seine Unkeuschheit verhindert es. Er entmannt sich, doch die Ritter weisen ihn wieder ab. So erschafft er einen Zaubergarten der Verführung, um die Keuschheit der Gralsritter zu brechen.

          Saemanns Hand ruhte auf Papes Oberschenkel. Viele Autos waren unterwegs, aber sie kamen voran. Zehn Kilometer, fünfzehn. Dann sahen sie vor sich den Benz. Drei Flaggen wehten am Dach. Die deutsche, die französische, die australische. Saemann und Pape wussten: Vor ihnen fuhr ihr Freund Franz (Name geändert).

          Er zwängte sich durch den Metallzaun und ging in den Wald

          Saemann hatte Franz vor einiger Zeit auf einem Parkplatz getroffen und kennengelernt. So, wie er Karl-Heinz Pape kennengelernt hatte. Er war einem Mann begegnet, der Sex suchte, und sie waren ins Gespräch gekommen. Franz war Ende sechzig und pensionierter Fernfahrer. Er hatte seine Frau bis zu ihrem Tod gepflegt, ging mehrmals am Tag zu ihrem Grab. Und mehrmals in der Woche fuhr er zu Parkplätzen.

          Saemann und Pape überholten den Benz ihres Freundes, hupten und winkten. Dann bogen sie ab, auf einen Parkplatz. Franz folgte ihnen. Die drei Männer stiegen aus, begrüßten, umarmten einander - gute Freunde. Gemeinsam hatten sie Konzerte und Theateraufführungen besucht. Franz hatte Saemann und Pape zu sich eingeladen, für sie Aprikosenmarmelade eingekocht. Die beste, die sie je gegessen hatten. Zusammen waren sie auf die Kanaren geflogen. Zehn Tage, ein Appartement, Kneipen, Strand.

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