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Vater wirft Kinder aus Fenster : „In Syrien wäre ich nach einem Monat entlassen worden“

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Der Angeklagte im Landgericht in Bonn. Bild: dpa

Mit 15 Jahren Haft wird ein Vater bestraft, der seine drei Kinder aus dem Fenster geworfen hat. Er wollte seine Frau bestrafen, ihr das Wichtigste nehmen. Über die Entwurzelung eines syrischen Kriegsflüchtlings.

          Der Angeklagte, soeben zu 15 Jahren Haft verurteilt, schlägt mit dem Kopf auf den Tisch und scheint auch vor dem Gericht auszuspucken. Volker Kunkel, Vorsitzender Richter am Landgericht Bonn, lässt sich davon nicht provozieren. Er bittet ihn nur einmal, jetzt ruhig zu sein. Und dann schildert er die Vorfälle in der Flüchtlingsunterkunft von Lohmar bei Bonn vom 1. Februar dieses Jahres.

          Der Angeklagte, ein 35 Jahre alter syrischer Kriegsflüchtling, hat an jenem Tag den Entschluss gefasst, seine drei Kinder umzubringen. Dazu setzt er zunächst seine ein Jahr alte Tochter in die Badewanne und ruft dann seinen fünf Jahre alten Sohn ins Badezimmer. Er stellt ihn auf die Fensterbank, küsst ihn. „Papa, um Gotteswillen!“, ruft der Junge – dann versetzt ihm der Vater einen Stoß.

          Der Junge fällt durch das geöffnete Fenster 4,80 Meter tief auf Steinboden. Anschließend hebt der Vater das Kleinkind aus der Wanne und wirft es ebenfalls hinaus. Dann geht er in die Küche, packt seine sieben Jahre alte Tochter, die dort am Tisch sitzt, und schleudert auch sie hinaus. Das Kind schwebt danach in akuter Lebensgefahr, kann nur durch eine Notoperation gerettet werden. Der Fünfjährige ist ebenfalls lebensgefährlich verletzt. Sein Schwesterchen hat Glück: Es kommt auf ihm auf – dadurch wird der Sturz abgefedert.

          „Weil er seiner Frau das Wichtigste nehmen wollte“

          Warum tut ein Vater so etwas? Das war die Frage, die diesen Prozess bis zur Urteilsverkündung am Donnerstag bestimmte. Die Antwort von Richter Kunkel: „Weil er seiner Frau das Wichtigste nehmen wollte. Die völlig unschuldigen Kinder sollten für etwas büßen, was die Mutter getan hatte.“

          Rettungskräfte im Februar in Lohmar vor der Flüchtlingsunterkunft.

          Der Mann fühlte sich in seiner Ehre verletzt, weil sich ihm seine vier Jahre jüngere Frau in Deutschland plötzlich nicht mehr unterordnet, ihm sogar weit überlegen ist. Im Gegensatz zu ihm kann sie lesen und schreiben und lernt Deutsch. Er selbst sieht sich dazu nicht in der Lage, er hat nie eine Schule besucht. Aufgewachsen in einer Welt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist, fehlt ihm das Handwerkszeug dazu, Konflikte im Gespräch beizulegen.

          Ständiger Streit ist die Folge. Als er sie mit einem Kochtopf ins Gesicht schlägt, ist das Maß voll: Sie zeigt ihn an. Und er muss feststellen, dass die Polizei in Deutschland tatsächlich auf der Seite seiner Frau steht. Vorübergehend muss er die Wohnung verlassen –  unfassbar für ihn. Eine solche Demütigung will er kein zweites Mal hinnehmen.

          Die psychischen Folgen müssen furchtbar sein

          Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer lebenslange Haft für ihn gefordert. Darauf verzichtete das Gericht nach langer Diskussion, weil es den drei Kindern heute körperlich wieder gutgeht. Die psychischen Folgen müssten allerdings furchtbar sein, sagt Kunkel: „Der Angeklagte hat das Urvertrauen seiner Kinder, in Gegenwart der Eltern sicher und geschützt zu sein, zerstört.“

          Reue oder Einsicht hat der Angeklagte nie gezeigt, dafür, so Kunkel, eine „frappierende Gleichgültigkeit“. Er sei ein Narzisst, bei dem sich alles um ihn selbst drehe, und eine „Drama-Queen“, wie er während des Prozesses „grandios belegt“ habe. Immer wieder hatte er herumgeschrien oder dazwischengeredet. Viel schockierender aber war wohl ein Satz, den Kunkel in seiner Urteilsbegründung noch einmal zitierte: „In Syrien wäre ich nach einem Monat entlassen worden.“

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