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Sobald sie langsam fahren : In Kalifornien werden Güterzüge ausgeraubt

  • -Aktualisiert am

Durch ein Meer von Müll: Ein Union-Pacific-Güterzug sucht sich in Los Angeles seinen Weg. Bild: AFP

Sobald sie langsam fahren, werden in Kalifornien Güterzüge geplündert. Die Taten häufen sich, denn wegen der Pandemie werden viele Waren online bestellt. Die Strafverfolgung in Los Angeles erinnert laut Kritikern an eine Drehtür.

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          An den Bahngleisen in Los Angeles sieht es streckenweise aus wie nach einem Tornado. Besonders an den Schienen durch Lincoln Heights im Nordosten der Hochhäuser in Downtown häufen sich seit Wochen aufgerissene Pappkartons, Verpackungsmaterialien und Plastikkuverts von Amazon oder UPS – Relikte ausgeraubter Containerzüge. Die Plünderer schlagen zu, sobald die Züge bei der Fahrt durch die Stadt abbremsen oder auf den Schienen abgestellt werden. Mit Bolzenschneidern öffnen die Diebe die Container und durchsuchen innerhalb weniger Minuten Hunderte Pakete. Besonders beliebt: Elektronik, Mode, Corona-Tests und Spielzeug.

          „Im Bezirk Los Angeles hat die Zahl der Überfälle in den vergangenen Monaten drastisch zugenommen. Inzwischen werden jeden Tag etwa 90 Container aufgebrochen“, sagte Lupe Valdez, eine Sprecherin der Eisenbahngesellschaft Union Pacific (UP), dem Fernsehsender CBS. Neben den „Cargo Thefts“ häufen sich in Kalifornien auch organisierte Raubüberfälle. Ende November schlugen fast 20 vermummte junge Männer mit Vorschlaghämmern das Schaufenster des Luxuswarenhauses Nordstrom im Einkaufskomplex The Grove im Fairfax District von Los Angeles ein und plünderten innerhalb weniger Minuten die Glasvitrinen. Einige Tage später überfiel eine Gruppe eine weitere Filiale des Warenhauses im benachbarten Canoga Park. Einige Wochen später meldete der Sheriff des Bezirks Los Angeles einen Überfall auf einen Baumarkt in Lakewood, bei dem sich die Räuber für künftige ­Verbrechen versorgten – mit Vorschlaghämmern, Brechstangen und Schraubenschlüsseln.

          Auch der Norden Kaliforniens wird seit Monaten immer wieder durch die als „Smash & Grab“ bekannten Überfälle erschüttert. Ende November fuhren fast 80 Vermummte vor einem Warenhaus in Walnut Creek östlich von San Francisco vor, versperrten mit ihren Autos die Straße und trugen in Minutenschnelle Bekleidung, Schuhe und Schmuck im Wert von etwa 200 000 Dollar hinaus. Am selben Wochenende kam es in Nachbarstädten wie Hayward und San José zu weiteren Raubüberfällen, bei denen die Täter das Verkaufspersonal mit Waffen und Pfefferspray bedrohten. In der Innenstadt von San Francisco, am noblen Union Square, plünderten Vermummte Dependancen von Luxusmarken wie Burberry und Louis Vuitton. Derweil ließ der Bürgermeister von Walnut Creek, Kevin Wilk, vorüber­gehend die Zufahrtsstraßen zu Einkaufszentren abriegeln. Zumindest in der Vorweihnachtszeit wollte er weitere Überfälle verhindern.

          Verbrechen herab­gestuft

          Viele Kalifornier schreiben die Verbrechenswelle Reformen wie Proposition 47 zu. Um die überfüllten Gefängnisse des Golden State zu entlasten, hatten Politiker und Staatsanwälte 2014 den Vorschlag formuliert, Verbrechen wie Ladendiebstahl, schweren Diebstahl und Betrug unter 950 Dollar zu Ordnungswidrigkeiten herab­zustufen. In Los Angeles wurde die Strafverfolgung Anfang 2021 mit Amtsantritt des Bezirksstaatsanwalts George Gascón weiter erschwert. Der Jurist, der schon Proposition 47 unterstützt hatte, sprach sich damals gegen die Berücksichtigung von Vorstrafen und gegen zusätzliche Haft wegen Bandenmitgliedschaft bei Verurteilungen aus. Während der Pandemie mit ungeahnt vielen Online-Bestellungen sind Gascóns laxe Regelungen besonders für Speditionen und Bahngesellschaften wie Union Pacific zum Problem geworden. Trotz eigenem Wachpersonal entlang der Schienen halten die Plünderungen an.

          Aufgerissene Pakete auf Schienen in Los Angeles: Relikte ausgeraubter Containerzüge
          Aufgerissene Pakete auf Schienen in Los Angeles: Relikte ausgeraubter Containerzüge : Bild: AP

          „Wir nehmen Leute fest und über­geben sie der Justiz. Bis heute haben wir aber nicht von einer einzigen Anklage gehört“, sagte die UP-Sprecherin Valdez. Schon am Tag nach der Verhaftung seien die Plünderer wieder auf freiem Fuß und machten sich abermals an Containern zu schaffen. „Die Strafverfolgung in Los Angeles erinnert an eine Drehtür.“ Nach dem Entgleisen eines Zugs vor einigen Tagen, das unter Umständen auf Müll nach Plünderungen zurückgeht, erwägt Union Pacific, Lincoln Heights und andere Überfallgebiete aus dem Streckennetz zu streichen.

          Das Diebesgut, oft Designermode, Hand­taschen und Elektrowerkzeug, wird später online angeboten.
          Das Diebesgut, oft Designermode, Hand­taschen und Elektrowerkzeug, wird später online angeboten. : Bild: AP

          In die Debatte über organisierte Überfälle auf Geschäfte hat sich inzwischen auch der Gouverneur Gavin Newsom eingeschaltet. Nach Beteuerungen, künftig hart gegen „kriminelle Flashmobs“ vorzugehen, versprach er den Polizeibehörden des Golden State für die kommenden drei Jahre insgesamt 300 Millionen Dollar. „Es gibt keine Ausflüchte mehr. Wir müssen mehr tun“, sagte Newsom dem Sender ABC.

          Nach Schätzungen der National Retail Federation kosten die „Smash & Grab“-Überfälle amerikanische Händler etwa 700.000 Dollar je Umsatzmilliarde. Das Diebesgut, oft Designermode, Hand­taschen und Elektrowerkzeug, wird später online angeboten. Nordstrom, Best Buy und zwei Dutzend weitere Einzelhändler fordern jetzt Gesetze, welche die Anonymität von Verkäufern im Internet auf­heben. Betreiber kalifornischer Einkaufszentren stocken derweil das Wachpersonal auf. „Wir koordinieren unsere Sicherheitskonzepte inzwischen mit Polizei und Sheriff“, teilte das Unternehmen Unibail-Rodamco-Westfield mit, das unter anderen Malls in Canoga Park, Sherman Oaks und Century City betreibt. „Es geht schließlich darum, Verkaufspersonal und Kunden zu schützen.“

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