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Urteil in Höxter-Mordprozess : Eine fürchterliche Beziehung

Ungleiches Paar: Wilfried W. hat einen Intelligenzquotienten von 59, Angelika W. einen von 119. Bild: dpa

Lange schienen die Chancen von Angelika W. ganz gut, mit ihrer Opfer-Geschichte durchzukommen. Dann wurde ihr Verhältnis zu dem Mitangeklagten Wilfried näher beleuchtet – und sie am Ende härter bestraft als er.

          Ein sanftes, gleichwohl triumphierendes Lächeln scheint den Mund von Angelika W. zu umspielen, als das Paderborner Schwurgericht am späten Freitagvormittag endlich das Urteil über sie und ihren geschiedenen Ehemann Wilfried W. spricht. 13 Jahre Haft verhängt die Kammer unter dem Vorsitz von Bernd Emminghaus gegen Angelika W., „nur“ elf Jahre gegen Wilfried W., der in seiner Persönlichkeitsentwicklung stark zurückgebliebene Mann muss in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Ist das der Grund für das Lächeln von Angelika W.?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Dass sich der Mordprozess um den qualvollen Tod zweier Frauen im sogenannten Horrorhaus von Höxter seit 2016 über 60 Verhandlungstage hinzog, hatte ausschließlich damit zu tun, dass das Gericht den zunächst bestellten Gutachter wegen grober Fehler entpflichten musste. Die neue Gutachterin musste dann mit der Exploration ganz von vorne beginnen. Darauf weist Richter Emminghaus am Freitag noch einmal ausdrücklich hin. Eigentlich hätte alles viel rascher gehen können. Denn die Taten, so furchtbar, so absonderlich sie auch sind, waren schon vor Verhandlungsbeginn unbestritten. Bis in die grausigsten Details hinein hatte Angelika W. bereits bei ihrer polizeilichen Vernehmung alles gestanden. Demnach hat sie gemeinsam mit Winfried W. über Jahre hinweg Frauen per Kontaktanzeigen auf ihren heruntergekommenen Hof im ostwestfälischen Höxter-Bosseborn gelockt und dort seelisch und körperlich schwer misshandelt.

          Zwei Frauen aus Niedersachsen überlebten das Martyrium nicht. Susanne F., die das Paar zuletzt nackt und gefesselt in der Badwanne im Keller des Hauses hielt, starb 2016 in einem Krankenhaus. Annika W. war schon 2014 ihren schweren Verletzungen erlegen. Ihren Leichnam konnten die Ermittler nicht mehr finden. Nach Aussagen von Angelika W. hatten sie und ihr ehemaliger Mann die tote Annika zunächst in einer Kühltruhe eingefroren, später nach und nach zersägt und im Kamin verbrannt. Die Asche der Frau verstreuten sie im Winter an den Straßenrändern in der Umgebung. Das Gericht sieht keinen Grund, diesen Aussagen nicht zu glauben. Angelika W. habe sich umfassend selbst belastet, sagt der Richter.

          Ginge es nach Angelika W. hätte sie allerdings freigesprochen werden müssen. Denn nach eigener Wahrnehmung ist auch sie eines der Opfer von Wilfried W. Auch in ihrem Schlusswort machte sie das Mitte September noch einmal klar. Es war ein verstörender neunzig Minuten währender Selbstmitleids-Monolog. Zu den Grausamkeiten sei es nur gekommen, weil Wilfried die absolute Herrschaft über ihr Leben ausgeübt habe, behauptete die Angeklagte. Alle Schuld versuchte sie auf ihren ehemaligen Ehemann zu schieben, von dem sie sich nur aus finanziellen Erwägungen hatte scheiden lassen – sie fürchtete, für den Unterhalt seiner Kinder aus einer anderen Beziehungen herangezogen zu werden. Tatsächlich führten die beiden ihre fatale Beziehung aber auch nach der Scheidung weiter.

          Lange schienen die Chancen von Angelika W. ganz gut

          Wilfried habe sie durch Überreden, Strafen und Quälereien so erzogen, dass sie nach seinem Willen funktioniert habe. Seit sie im Gefängnis sei, gehe es ihr endlich gut, sagte sie ihn ihrem Schlusswort. Sie sei dankbar, dort sein zu dürfen. „Manchmal weine ich vor Freude, endlich darf ich an mich denken. Ich darf Dinge nur mich tun.“ Die Quälereien habe sie durch Wilfried am eigenen Körper kennengelernt. Später habe sie ihm bei der Frauensuche geholfen, um Ruhe vor ihm zu haben. Sie habe den Frauen nicht geholfen und bei den Misshandlungen mitgemacht, weil sie Angst vor Wilfried gehabt habe. „Ich wollte nicht selbst gequält werden, wollte einfach nur putzen oder Unkraut zupfen. Hatte Wilfried Frauen, konnte ich das.“

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