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Prozess in Stuttgart : Hirnlose Raserei – aber kein Mord

Im Prozess saß der junge Mann meist schüchtern auf der Anklagebank. Bild: dpa

Ein junger Mann rast mit einem geliehenen Wagen, um tolle Geschichten auf Instagram posten zu können. Dabei verursacht er einen Unfall mit zwei Toten. Nun wurde er zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt.

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          Der Mechatroniker Mert T. hielt sich eigentlich an Regeln. Er lernte fleißig für die Hauptschule und stand kurz vor dem Abschluss seiner Lehre bei Daimler. Das Auto seines Vaters fuhr er meist umsichtig. Doch hin und wieder suchte der türkischstämmige Einundzwanzigjährige nach Bestätigung, wollte er ausbrechen aus seinem „stinknormalen Leben“ im Stuttgarter Nordbahnhofsviertel.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Dann lieh er sich einen BMW M4, ein Mercedes-Cabrio oder einen Jaguar Typ F mit 550 PS und lautstarkem Klappenauspuff zum Angeben. Mit letzterem beschleunigte er auf der Autobahn sogar auf 270 Stundenkilometer. Zum Beispiel am 6. März dieses Jahres: Mit einer Hand hielt er das Lenkrad, in der anderen das Smartphone, nur um die Tachonadel zu filmen und um seinen Freunde einen Beweis seiner Großtat liefern zu können. Den Jaguar lieh er für 200 Euro aus. Es ging ihm darum, auf Instagram ein paar tolle Geschichten zu posten.

          Am Abend des gleichen Tages startete er um 23.37 Uhr in der Stuttgarter Rosensteinstraße in der Nähe eines Kinos zur letzten Fahrt des Tages. Er ließ noch einen Kumpel einsteigen, der sagte: „Der Wagen ist eklig, drück nicht so drauf.“ Mert T. beschleunigte dennoch auf 168 Kilometer in der Stunde – erlaubt sind 50 Stundenkilometer.

          Das Tatmotiv: protzen und angeben

          Die Fahrt dauerte 50 Sekunden, dann stieß der Jaguar mit einem französischen Kleinwagen zusammen, der in einer Seitenstraße stand. Eine 22 Jahre alte Frau und ihr 25 Jahre alter Freund, die ihr gemeinsames Leben gerade planen wollten, kamen durch den schweren Aufprall binnen weniger Minuten in ihrem Auto um. Der Mann erlitt einen Genickbruch, die Frau starb an einem Aortenabriss. Beim Aufprall soll der Jaguar immer noch 100 Stundenkilometer schnell gewesen sein. Mert T. und sein Kumpel überlebten leicht verletzt. Der junge Azubi heißt seitdem in den Medien nur noch „der Stuttgarter Raser“.

          Nach 16 Verhandlungstagen fällte eine Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts am Freitag das Urteil. „Das Motiv für die Tat war protzen und angeben. Sie wollten das eigene Selbstwertgefühl stärken. Die Tat ist an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten“, sagte die Vorsitzende Richterin bei der Urteilsverkündung und sprach von einer „hirnlosen Raserei“. Wegen einer deutlichen Reifeverzögerung verurteilten die Richter Mert T. nur zu einer fünfjährigen Haftstrafe nach Jugendstrafrecht ohne Bewährung. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Und es verhängte ein Fahrverbot: Mert T. muss vier Jahre nach der Haftentlassung den Führerschein noch einmal machen, erst dann kann er sich wieder ans Lenkrad setzen.

          Die Staatsanwaltschaft hatte den Auszubildenden wegen Mordes, verbotener Kraftfahrzeugrennen sowie wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs angeklagt. In ihrem Plädoyer hatte die Staatsanwaltschaft eine sechsjährige Haftstrafe nach Jugendstrafrecht wegen Mordes gefordert. Die Verteidiger hatten sich für eine Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung ausgesprochen.

          Urteil gründet auf neuem Gesetz

          Das Gericht konnte dem Angeklagten aber keine Mordabsicht und keinen bedingten Tötungsvorsatz nachweisen. „Sie sind schuldig, Sie tragen die moralische und die strafrechtliche Verantwortung. Dass Sie ein Mörder sind, konnten wir nicht feststellen. Denn das ganze Gefahrenszenario war ihnen bekannt“, sagte die Richterin. Der Angeklagte sei gerade wegen der Fahrt mit einem Tempo von 270 Stundenkilometern überzeugt gewesen, den Jaguar fahrtechnisch zu beherrschen. „Sie selbst wollten bei der Fahrt auf keinen Fall verletzt werden.“

          Und mit Blick auf die Opfer könne man dem Angeklagten, wenn man den Zweifelsgrundsatz berücksichtige, nicht nachweisen, dass er den Tod des Paares in Kauf nehmen wollte. Das könne man auch daran erkennen, dass der Anklagte ursprünglich am Tag nach der Tat mit seiner ehemaligen Freundin nach Amsterdam reisen wollte, um die Beziehung zu retten.

          Das Gericht gründet sein Urteil auf den erst im September 2017 vom Gesetzgeber eingeführten Paragraphen 315d, Absatz 5, im Strafgesetzbuch. Danach können nicht nur illegale Autorennen strafrechtlich geahndet werden, sondern auch das „grob rücksichtslose und verkehrswidrige Fahren mit Höchstgeschwindigkeit“. Die Regelung erhält auch eine so genannte Erfolgsqualifikation, danach kann eine Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren verhängt werden, wenn das rechtswidrige Fahrverhalten den Tod oder eine schwere Gesundheitschädigung zur Folge hat. Nach Auffassung des Gerichts hat noch keine andere Kammer in Deutschland von dieser rechtlichen Regelung Gebrauch gemacht.

          Mutter eines Opfers sprach direkt zum Täter

          Große Teile des Hauptverfahrens wurden wegen der Schutzbedürftigkeit des jungen Angeklagten nicht öffentlich geführt. Zur Urteilsverkündung machte die Richterin dennoch einige Ausführungen zur Biographie und Persönlichkeit des nicht vorbestraften Täters: Mert T. sei als „Nesthäkchen“ und „Muttersöhnchen“ in einer gut integrierten türkischstämmigen Familie aufgewachsen. Der Vater habe bei der Bahn gearbeitet, die Mutter als Reinigungskraft. Durch das Jugendzentrum 49 habe er als Schüler viel Unterstützung bekommen. „Sie waren kein Außenseiter, sie wollten dazu gehören“, sagte die Richterin.

          „Statussymbole wie das iPhone, schnelle Autos und Kleidung waren Ihnen wichtig. Sie sind bis zum 20. Lebensjahr wie ein Baby aufgezogen und wie ein kleines Kind ins Bett gebracht worden.“ In der Biographie des Angeklagten sei eine „deutliche Reifeverzögerung“ zu erkennen. Die Verteidiger hatten diesen Eindruck sogar noch verstärkt, Mert T. saß meistens schüchtern und glattrasiert auf der Anklagebank. Als an einem Verhandlungstag im Saal ein in dem Jaguar gefilmtes Video vorgeführt wurde, hatten die Richter Schwierigkeiten, in dem bärtigen Fahrer den Angeklagten zu erkennen.

          Nach der Urteilsverkündung ging die Mutter eines Opfers zu Mert T. Sie wollte ihm noch eine Botschaft mit auf dem Weg geben. Was sie sagte, behielt sie für sich. Wie die drei anderen Elternteile auch trug sie ein T-Shirt mit einem Foto des sympathischen Paares, das so sinnlos sterben musste.

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