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Prozess in Stuttgart : Hirnlose Raserei – aber kein Mord

Urteil gründet auf neuem Gesetz

Das Gericht konnte dem Angeklagten aber keine Mordabsicht und keinen bedingten Tötungsvorsatz nachweisen. „Sie sind schuldig, Sie tragen die moralische und die strafrechtliche Verantwortung. Dass Sie ein Mörder sind, konnten wir nicht feststellen. Denn das ganze Gefahrenszenario war ihnen bekannt“, sagte die Richterin. Der Angeklagte sei gerade wegen der Fahrt mit einem Tempo von 270 Stundenkilometern überzeugt gewesen, den Jaguar fahrtechnisch zu beherrschen. „Sie selbst wollten bei der Fahrt auf keinen Fall verletzt werden.“

Und mit Blick auf die Opfer könne man dem Angeklagten, wenn man den Zweifelsgrundsatz berücksichtige, nicht nachweisen, dass er den Tod des Paares in Kauf nehmen wollte. Das könne man auch daran erkennen, dass der Anklagte ursprünglich am Tag nach der Tat mit seiner ehemaligen Freundin nach Amsterdam reisen wollte, um die Beziehung zu retten.

Das Gericht gründet sein Urteil auf den erst im September 2017 vom Gesetzgeber eingeführten Paragraphen 315d, Absatz 5, im Strafgesetzbuch. Danach können nicht nur illegale Autorennen strafrechtlich geahndet werden, sondern auch das „grob rücksichtslose und verkehrswidrige Fahren mit Höchstgeschwindigkeit“. Die Regelung erhält auch eine so genannte Erfolgsqualifikation, danach kann eine Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren verhängt werden, wenn das rechtswidrige Fahrverhalten den Tod oder eine schwere Gesundheitschädigung zur Folge hat. Nach Auffassung des Gerichts hat noch keine andere Kammer in Deutschland von dieser rechtlichen Regelung Gebrauch gemacht.

Mutter eines Opfers sprach direkt zum Täter

Große Teile des Hauptverfahrens wurden wegen der Schutzbedürftigkeit des jungen Angeklagten nicht öffentlich geführt. Zur Urteilsverkündung machte die Richterin dennoch einige Ausführungen zur Biographie und Persönlichkeit des nicht vorbestraften Täters: Mert T. sei als „Nesthäkchen“ und „Muttersöhnchen“ in einer gut integrierten türkischstämmigen Familie aufgewachsen. Der Vater habe bei der Bahn gearbeitet, die Mutter als Reinigungskraft. Durch das Jugendzentrum 49 habe er als Schüler viel Unterstützung bekommen. „Sie waren kein Außenseiter, sie wollten dazu gehören“, sagte die Richterin.

„Statussymbole wie das iPhone, schnelle Autos und Kleidung waren Ihnen wichtig. Sie sind bis zum 20. Lebensjahr wie ein Baby aufgezogen und wie ein kleines Kind ins Bett gebracht worden.“ In der Biographie des Angeklagten sei eine „deutliche Reifeverzögerung“ zu erkennen. Die Verteidiger hatten diesen Eindruck sogar noch verstärkt, Mert T. saß meistens schüchtern und glattrasiert auf der Anklagebank. Als an einem Verhandlungstag im Saal ein in dem Jaguar gefilmtes Video vorgeführt wurde, hatten die Richter Schwierigkeiten, in dem bärtigen Fahrer den Angeklagten zu erkennen.

Nach der Urteilsverkündung ging die Mutter eines Opfers zu Mert T. Sie wollte ihm noch eine Botschaft mit auf dem Weg geben. Was sie sagte, behielt sie für sich. Wie die drei anderen Elternteile auch trug sie ein T-Shirt mit einem Foto des sympathischen Paares, das so sinnlos sterben musste.

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