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Fall Tuğçe Albayrak : „Ein Schlag, keine Ohrfeige“

Sanel M. im April neben seinen Anwälten Stephan Kuhn (2.v.l.) und Heinz-Jürgen Borowsky (3.v.l.) im Gerichtssaal Bild: AFP

Wegen des Todes von Tuğçe Albayrak hat das Landgericht Darmstadt Sanel M. zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. In seinem Plädoyer kritisierte der Vorsitzender Richter auch die Medien. Sie hätten die Wahrheitsfindung erheblich erschwert.

          Die Verkündung des Urteils stand, wie immer, am Anfang des letzten Verhandlungstages: Sanel M. wird im Prozess um die getötete Tuğçe Albayrak wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt. So weit, so bekannt – und auch nicht allzu überraschend.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Dann jedoch wandte sich der Vorsitzende Richter Jens Aßling an die Familie des Opfers, die den Prozess vor dem Landgericht Darmstadt als Nebenkläger begleitet hatte. Zunächst brachte er sein Mitgefühl zum Ausdruck: Der Verlust des eigenen Kindes, sagte Aßling, sei durch nichts auszugleichen. Dann warb er um Verständnis für sein Vorgehen in den vergangenen Wochen: Es sei dem Gericht nie darum gegangen, die Tochter oder das Andenken an sie zu demontieren, sondern darum herauszufinden, was in der Nacht auf den 15. November 2014 „zwischen zwei Menschen“ passiert ist. Das habe Fragen notwendig gemacht, die für Angehörige „vielleicht unangenehm“ gewesen seien.

          Man müsse sich fragen, sagte Aßling sodann, „warum gerade dieser Fall zu dem geworden ist, was er ist“ – er meinte damit vor allem Art und Umfang der Medienberichterstattung. „Denn Fälle wie dieser sind so ungewöhnlich nicht“ – damit meinte er den Straftatbestand.

          Es war der Beginn einer harschen Medienkritik. „Anfangs hat es eine Kampagne gegeben, das lässt sich gar nicht anders beschreiben“, sagte Aßling in freier Rede. Da sei ein junger Mann von gerade 18 Jahren gewesen, „der sich mit seinen Mitteln nicht dagegen wehren kann, einer großen Zeitung ausgeliefert zu sein“. Das bezog sich auf die „Bild“-Zeitung. Einen „Killer“ und „Koma-Schläger“ habe man ihn dort genannt – das sei er aber nicht.

          M. habe mit seinem Schlag „vieles gewollt, was nicht in Ordnung ist, aber sicher nicht den Tod eines Menschen“. Aber gegen das Bild, das von ihm gezeichnet und „von vielen Medien blind“ übernommen worden sei, das sich aber im Prozess „wenn überhaupt nur in Teilen bestätigt“ habe, sei M. nicht angekommen.

          Aßlings Kritik richtete sich allerdings nicht nur gegen die Medien, die zuletzt ausgewogener berichtet hätten, sondern auch gegen die Politik. Ohne dass Bundespräsident Joachim Gauck namentlich genannt wurde, durfte unter anderen er sich angesprochen fühlen. Nach dem Tod Albayraks hatte er in einem Brief an deren Eltern geschrieben, ihre Tochter sei zum „Opfer eines brutalen Verbrechens“ geworden. Aßling sagte nun: „Es ist auch für ein Gericht, das ein staatliches Organ ist, schwierig, wenn sich oberste Repräsentanten des Staates vorher äußern und Schuldzuweisungen verteilen.“ Mit der staatlichen Neutralitätspflicht sei derlei nicht zu vereinbaren und widerspreche dem zentralen rechtsstaatlichen Grundsatz der Unschuldsvermutung.

          Diese besonderen Begleitumstände des Verfahrens hätten darüber hinaus die Rekonstruktion dessen, was wirklich war, massiv erschwert. Eigentlich alle Zeugenaussagen seien als „vergiftet“ zu betrachten, weil die Freunde des Täters wie auch die Freundinnen des Opfers vor allem durch die Berichterstattung erheblich beeinflusst gewesen seien. Die dichotomische Fixierung der Medien auf M. und Albayrak habe dazu geführt, dass Zeugen besonders M. Handlungen zugeschrieben hätten, deren Urheber er nicht gewesen sein könne. Das gelte in bestimmtem Maße auch für die berühmte Toilettenszene, in der Albayrak zwei 13 Jahre alten Mädchen zur Hilfe gekommen sein soll. Dazu sagte der Richter: Die jungen Mädchen hätten nicht unbedingt wie 13 ausgesehen, sondern auch „als 15 durchgehen können“. Zwischen ihnen, M. und zwei von dessen Freunden habe sich zunächst ein relativ normales Gespräch entwickelt, das gegen Ende in den Bereich der Belästigung abgeglitten sei. Weitere Übergriffe habe es nicht gegeben. Albayrak habe „sicher in irgendeiner Form Sorge um die Mädchen“ gehabt. Deshalb sei sie auf die jungen Männer zugegangen und habe, ohne sich danach zu erkundigen, was los ist, gesagt: „Verpisst euch, ihr habt hier nichts zu suchen.“ Der Sache nach sei das richtig gewesen. Die jungen Männer hätten sich aber sicher gefragt: Warum kommst Du, was hast Du uns zu sagen? „Die wollten sich das sicher nicht gefallen lassen.“

          Gleichwohl widersprach Aßling der Auffassung etwa der Nebenklage, der Toilettenstreit sei die Ursache für den späteren Schlag gewesen oder habe gar Planungen für eine Bestrafungsaktion in Gang gesetzt. Auch für diese Szene gelte, dass man nach den Zeugenaussagen große Schwierigkeiten habe herauszufiltern, was man einem Urteil zugrunde legen könne. Auch bei der Bewertung von Aussagen gelte dann: „Im Zweifel für den Angeklagten.“

          Die Situation auf dem Parkplatz des Offenbacher McDonald’s, wo es zur finalen Eskalation kam, sieht der Richter so: Beide Seiten hätten provoziert, auch sei Albayrak auf M. zugegangen und habe zu ihm dabei wahrscheinlich etwas gesagt, was man sich nicht als Freundlichkeit vorstellen darf. Anders als verschiedentlich gemutmaßt, habe er ihr dann aber nicht nur eine „Ohrfeige“ gegeben. Auf einem Überwachungsvideo aus der Tatnacht sei vielmehr zu sehen, dass M. weiter ausgeholt habe, als dies bei einer Ohrfeige üblich sei. Der Richter: „Der wollte ihr ganz sicher ordentlich eine langen.“ Nur das, was daraus folgte, „wollte er sicher nicht“. Trotzdem, so Aßling, handele es sich nicht um eine einfache Körperverletzung – dafür hatte die Verteidigung plädiert. M. habe trotz seines vorhergehenden Alkoholkonsums durchaus wissen können und müssen, dass, wenn er so zuschlägt, das Opfer stürzen kann – mit eventuell schwersten Folgen.

          M. wird nach Jugendstrafrecht verurteilt. Daran, so der Richter, konnte bei dem „unausgereiften“ Mann kein Zweifel bestehen. Wie die Staatsanwaltschaft, aber anders als die Verteidigung erkannte der Richter „schädliche Neigungen“, die auch in vormals begangenen Straftaten zum Ausdruck gekommen seien. Er habe die Bereitschaft verinnerlicht, zum Durchsetzen seiner Interessen Gewalt anzuwenden.

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