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Urteil im Mordprozess : Sophia L. war allgegenwärtig

Schuldig: Der Angeklagte zwischen seinen Anwälten am Mittwoch vor Gericht Bild: dpa

Für den Mord an der Studentin Sophia L. muss ein Lastwagenfahrer lebenslang ins Gefängnis. Für den Richter war es ein besonderes Verfahren: Sonst stehe immer der Angeklagte im Zentrum – diesmal sei es das Opfer gewesen.

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          Bevor der Vorsitzende Richter die letzte Sitzung im Fall „Sophia L.“ für beendet erklärt, allen im Saal einen „guten Nachhauseweg“ wünscht, was den Angeklagten in Fußfesseln unweigerlich einschließt, und „auf Wiedersehen“ sagt, schiebt er alle Geschäftsmäßigkeit beiseite und rückt zurecht, warum mit einem Urteil niemals ein Schlussstrich gezogen werden kann.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zeitlebens, so der Vorsitzende, würden Angehörige und Freunde der Sophia L. von diesem Verbrechen verfolgt werden. Denn es sei ein Verlust, an dem auch die Entschuldigung des Angeklagten L. nichts mehr ändere. Er müsse für die Tat zwar nicht mit dem Leben bezahlen, sagt der Vorsitzende in Anspielung auf die Beteuerungen des Angeklagten während der Verhandlung, man könne ihn ruhig umbringen. „Aber Sie können und müssen dafür büßen.“

          Die lebenslange Freiheitsstrafe, die das Landgericht Bayreuth als Strafe für den Mord an der 28 Jahre alten Studentin Sophia L. am Mittwoch verkündet, lässt der 42 Jahre alte marokkanische Lastwagenfahrer mit gesenktem Kopf, die Schultern nach unten hängend, über sich ergehen. Ebenso den Rat des Gerichts, das Urteil „so zu akzeptieren“.

          Denn das Gericht ist zwar in weiten Teilen dem Geständnis des Angeklagten gefolgt. In einem wichtigen Punkt glaubt es seinen Schilderungen zum Tatablauf jedoch nicht – ebenso wenig, wie es sich in diesem Punkt die Sichtweise der Anklage zu eigen macht. L. hatte angegeben, der Streit mit Sophia L., der tödlich für sie endete, sei auf ihren Vorwurf zurückzuführen, er habe ihr Haschisch gestohlen. Laut Anklage war indes ein sexueller Übergriff und dessen Verdeckung der Grund für seine Tat. Das Gericht verneinte beides. Es ist demnach nicht zu einem Sexualdelikt gekommen, auch die rechtsmedizinischen Gutachten haben keine Hinweise auf eine Vergewaltigung ergeben. Vielmehr sieht das Gericht einen so trivialen wie folgenreichen Grund als Auslöser für das Verbrechen: gekränkte Eitelkeit.

          „Sexualisierte Grundstimmung“

          Auf ihren späteren Mörder traf die Studentin Sophia L. nach Ansicht des Gerichts am 14. Juni 2018 auf einem Rastplatz in der Nähe von Leipzig. Die junge Frau war auf dem Weg zu ihren Eltern ins bayerische Amberg, ihr Vater hatte am nächsten Tag Geburtstag. Sie werde spätestens um 23 Uhr da sein, sagte sie ihren Eltern. Eine Stunde, bevor sie gegen 18 Uhr zu L. in den Lastwagen stieg, hatte er sich im Führerhaus selbst befriedigt und davon mit dem Handy Fotos angefertigt. Einen Tag zuvor hatte er auf einem Rastplatz Frauen fotografiert, die auf dem Weg zur Toilette waren. Handlungen, die für das Gericht zur „sexualisierten Grundstimmung“ des Lastwagenfahrers beigetragen haben, als er mit der freundlichen jungen Frau in Shorts und T-Shirt ins Gespräch kam und sie ihm ihr Fahrziel „Lauf“ auf dem Handy zeigte.

          Um 18.16 Uhr verließ der Lastwagen den Parkplatz. Während der Fahrt zeigte er ihr nicht nur Bilder seiner Kinder auf Facebook. Durch die App „Secret Video Recorder“ auf seinem Handy wurden auch mehrere Aufnahmen, die nicht mehr zu rekonstruieren sind, angefertigt. Die Stimmung war gelöst: „Man hat Musik gehört, Sophia L. konnte ihre Zigaretten rauchen, der Angeklagte hat ihr eine Wassermelone geschenkt.“ Um 19.44 Uhr postete Sophia L. an Freunde eine Nachricht: Sie sei mit einem marokkanischen Trucker unterwegs, er heiße „Bob“. Den Spitznamen hatte sie auf seiner Facebook-Seite gesehen. Es sollte die letzte Nachricht von Sophia L. sein.

          Fundort der Frauenleiche in Spanien

          An einer Tankstelle gingen beide einen Kaffee trinken. Dort wurden durch die Überwachungskamera die letzten Bilder gemacht, die Sophia L. lebend zeigen. Gegen 21 Uhr fuhr der Fahrer mit seinem Lastwagen auf den fast leeren Parkplatz bei Sperbes, nur wenige Kilometer von der Autobahn-Ausfahrt „Lauf/Hersbruck“ entfernt. Es waren also nur noch etwa 15 Minuten bis zu ihrem Ziel. Für Sophia L. kam der Halt daher nach Einschätzung des Gerichts „völlig überraschend“. Für den Angeklagten hingegen war es „die letzte Gelegenheit für einen Annäherungsversuch“.

          Wie genau dieser ausgesehen hat, lässt das Gericht im Vagen. „Ob Anmache, Anbaggern oder eine intensive Kontaktaufnahme, das sei dahingestellt.“ Es sei vermutlich „sexuell motiviert“ gewesen, aber kein sexueller Übergriff oder eine Vergewaltigung. Was er auch immer von ihr wollte – Sophia L. wies sein Ansinnen „klar und deutlich“ zurück. Denn die Studentin, von der es nach Angaben ihres Bruders kein Bild gibt, auf dem sie nicht lacht, war zwar freundlich und aufgeschlossen. Sie habe aber auch klar benannt, wenn Grenzen überschritten wurden. Durch die Zurückweisung fühlte sich der Angeklagte „massiv gekränkt“.

          „Es hat ihm die Sicherung rausgehauen“

          Es kam zu einem Streit, Sophia L. schlug dem Mann mit der flachen Hand ins Gesicht und löste damit bei dem „leicht reizbaren“ und zu Aggressivität neigenden Mann eine Reaktion aus, die das Gericht als „Affektsturm“ bezeichnet. „Es hat ihm die Sicherung rausgehauen.“ Er griff zu einem Radmutterschlüssel, einem Eisenrohr, das einen Kilogramm wiegt, und schlug Sophia L. viermal auf den Kopf. Sie ging zu Boden, lag mit dem Kopf im Fußraum.

          Der Angeklagte, so das Gericht, habe beabsichtigt, ihr schwerste Verletzungen beizufügen, „um sie zu bestrafen“. Aber noch wollte er sie nicht töten. Deshalb teilte das Gericht das Geschehen in zwei Taten. Bei der gefährlichen Körperverletzung zur „Disziplinierung des Opfers“ sei seine Steuerungsfähigkeit zwar nicht aufgehoben gewesen, aber durch eine affektive Bewusstseinsstörung „nicht ausschließbar“ vermindert.

          Nach den Schlägen verließ L. das Fahrzeug. Zehn Minuten lang überlegte er auf dem Parkplatz, was er nun machen sollte. Hilfe holen? Die Frau irgendwo ablegen? Und wenn sie ihn dann anzeigen würde?

          Protest gegen Sexismus und Gewalt in Bayreuth (Archivbild vom Juli 2019)

          L. entschloss sich zur zweiten Tat, also dem Leben der jungen Frau ein Ende zu setzen, um damit die erste, die gefährliche Körperverletzung, zu verdecken. Als er wieder in den Lastwagen stieg, sah er, dass sie leicht den Kopf hob und die Hand ausstreckte. Mit der Eisenstange führte er wieder „mindestens einen wuchtigen Schlag“ auf ihren rechten Hinterkopf aus. Sophia L. erlitt Schädelfrakturen und starb „zeitnah“ an einem Versagen des zentralen Nervensystems. Bei dieser Tat, einem Mord in Verdeckungsabsicht, war L. laut Urteilsbegründung „voll schuldfähig“: Er wollte, wusste und konnte steuern, was er tat.

          Nach dem Mord säuberte L. den Lastwagen, entsorgte die Kleidung des Opfers, fesselte den Leichnam, wickelte ihn in ein Bettlaken, damit er „verstaubar“ wurde, und legte ihn oben in der Schlafkabine über dem Führerhaus ab. So fuhr L. in den folgenden Tagen durch Frankreich und Spanien. Am 18. Juni legte er das in Plastiksäcke gepackte Bündel an einer Tankstelle in Nordspanien ab. Er fuhr weiter, kehrte zurück, schnitt das Bündel auf und goss Benzin hinein, zündete es an und warf den Leichnam über einen Stacheldrahtzaun.

          Einen Tag später wurde er festgenommen. Freunden Sophias, die ihn als Fahrer ausfindig gemacht hatten, hatte er zuvor noch am Telefon erzählt, er habe die Studentin in Lauf abgesetzt.

          Es habe sich um ein besonderes Verfahren gehandelt, sagt der Vorsitzende Richter kurz vor dem Urteilsspruch. Stehe sonst immer der Angeklagte im Vordergrund der Aufmerksamkeit, sei es diesmal das Opfer gewesen – in den zahlreichen Schilderungen von Angehörigen und Freunden, die Sophia L. als einen allseits beliebten Menschen „von großer Freundlichkeit“ beschrieben hatten. Und in den vielen Bildern der Studentin, die Teil der Beweisaufnahme waren.

          „Sophia L. war allgegenwärtig.“ Er hoffe, sagte der Richter, dass die Familie einen Weg finde, damit umzugehen, dass sie „diesen Tod gestorben ist“. Ihre Eltern und ihr Bruder nehmen seine Worte ebenso regungslos zur Kenntnis wie das Urteil.

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